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Michaela Diers – Hildegard von Bingen

 

Geschichte einer Heiligen

 

Zur aktuellen Heiligsprechung der Hildegard von Bingen legt die Historikerin und Germanistin Michaela Diers nun eine sprachlich flüssige, damit leicht verständliche und mit einigem Bildmaterial versehene Biographie der 1179 verstorbenen Benediktiner-Nonne vor.

 

Wobei Michaela Diers bereits im zweiten Kapitel des Buches ausführlich auf die Sicht der Umwelt auf Hildegard eingeht. Erstaunlich ist es nämlich durchaus, dass eine über Jahrhunderte eher vergesse Frauengestalt des 11. Jahrhunderts in unserer Zeit eine solche Renaissance und Popularität erfährt. Überzeugend legt Diers hier dar, dass dies durchaus in den „Zeitgeist“ der 70 Jahre des letzten Jahrhunderts passte, wo unter anderem stark „spirituell“ wieder gedacht wurde und, entgegen der konservativen Frömmigkeit der katholischen Kirche, sich gerade auch den Mystikerinnen begann, zuzuwenden.

 

Wie geschaffen für diesen „alternativen Zeitgeist“ liegen Werk und Person der Hildegard von Bingen im Raum. Die Ganzheitlichkeit des Denkens mit Leib und Welt, die alternative Heilkunde, die spirituelle, mystische Seite und, zudem noch, die Tatsache, dass hier eine Frau als Vordenkerin und  Vorbeterin im Raume steht. Dennoch bleibt es eine verwunderte Fußnote der Geschichte, dass gerade das Werk der Hildegard, das selbst zu ihren Lebzeiten nicht sonderlich bekannt oder verbreitet war, so stark in den Fokus gerückt ist.

 

Nicht zu unrecht aber, dies weist Michaela Diers nachhaltig auf den gut 220 Seiten des Buches nach. Gut gelungen ist ihr hierbei die Rekonstruktion eines (möglichen und wahrscheinlichen) Lebens- und Denkweges, der sich nicht in ganzer Breite auf gesicherte Quellen stützen kann, zu „dunkel“, was eben jene Quellenlage angeht, ist das frühe Mittelalter. Mit bildkräftiger Sprache und fundiertem Wissen aber gelingt es Diers durchaus, sowohl die „Atmosphäre“ in Kunst und Kirche jener Zeit wie auch die Einordnung Hildegards darzustellen.

 

So einfach, wie oft verkürzt in der modernen Literatur vom „Kochbuch“ über die „alternative Heilkunde“ bis zur verklärten „Mystik“ dargestellt, sollte und kann man es sich mit Hildegard von Bingen tatsächlich nicht machen, ohne am Kern ihrer Lebenshaltung vorbei zu gehen. Erkenntnis, Ration, Weitung des eigenen Lebens, Eingliederung in eine klare Glaubensstruktur, auch dies ist mit der Heiligen verbunden und bildet den größeren Rahmen ihres Lebens und Denkens. So legt Michaela Diers erfolgreich wert auf die Vermeidung von Vereinfachungen und einfachen „Lebensformeln“, sondern zeichnet ein differenziertes Bild einer durchaus faszinierenden Frau, die zu einer Zeit sich entfaltete und entwickelte, die nicht als sonderlich „frauenfreundlich“ bezeichnet werden kann. Erst auf dieser differenzierten Sicht sind die (breit geschilderten) Visionen und „Erlebnisse „ der Hildegard von Bingen für ihre Zeit und für das moderne Denken einigermaßen einschätzbar. Ehrlich aber bleibt Michaela Diers auch hier, eine einfache Formel, eine stringente „Bewertung der Person“ kann letztlich nicht vereinfachend vorgenommen werden.

 

Sprachlich klar und verständlich führt Michaela Diers in das Leben und die Zeit Hildegard von Bingens ein, vollzieht, soweit möglich, den Lebensweg der Ordenfrau nach, vertieft sich in das innere Erleben und Denken auch der mystischen Seite Hildegards und zieht immer wieder Vergleiche zur Gegenwart und zur Neu-Entdeckung Hildegards. Eine Biographie, die durchaus mit Gewinn zu lesen ist und den Leser zur eigenen Bewertung anregt.

 

M.Lehmann-Pape 2012