C.Bertelesmann 2012
C.Bertelesmann 2012

Michel Rostain – Als ich meine Eltern verließ

 

Ein bewegendes „Trauer-Buch“

 

„Papa macht Entdeckungen. Die tränen versiegen, fließen, versiegen erneut, und es geht wieder von vorne los. Eine reiche Vielfalt an Schluchzern, aber keinen Tag ohne“.

 

„Komm schon, Papa, Du übertreibst“! Oder auch nicht, wenn man sich auf das emotionale Erleben dieses Buches einlässt.

 

Der Tod ist für die Hinterbliebenen zumindest in den meisten Fällen ein schmerzhaftes Ereignis. Von einfacher über tiefe Trauer bis hin dazu, ganz aus dem Tritt zu geraten reichen die schmerzhaften Gefühle, die Menschen  im Angesicht des Todes von Angehörigen zu tragen haben.

 

Du ganz besonders traumatisch, zerreißend ist es, wenn eines der eigenen Kinder stirbt. Ds muss man gar nicht näher erläutern, warum und wie sich dann das eigene Leben als „verwaiste“ Eltern ändert und wie zu einer offenen Wunde wird. Hier eine Sprachmöglichkeit zu finden, eine Chance auf eine gute und konstruktive Trauerarbeit, das ist schwer und eine echte Herausforderung.

 

Michel Rostain ist genau dies gelungen, wie nun jeder in seinem eher schmalen Buch nachlesen, eigentlich eher nacherleben kann. Mit liebevoller Ironie, mit „dem Herzen auf dem rechten Fleck“, mit dem Mut, sich nicht in der eigenen Trauer mit zu begraben, sondern einen ganz andere, sehr kreativen Weg zu gehen, greift Rostain sicherlich zunächst, aber bei weitem nicht nur, für sich, in der Trauer wieder nach dem eigenen Leben.

 

Rostains Sohn Lion ist im Alter von 21 Jahren gestorben und darüber schreibt Michel Rostain. Nicht mit depressiven, schicksalsschweren Worten (obwohl erkennbar ist, wie tief ihn dieser Tod getroffen hat), sondern mit einer liebevollen, teil fast heiteren Sprache. Er schreibt auch nicht aus seiner Sicht als „verwaister“ Vater, sondern er setzt seinen Sohn Lion als „Beobachter und Kommentatoren“ in die Mitte des Buches.

 

Lion, der seinen Vater liebevoll ironisch bei dessen Versuchen der Trauerbewältigung begleitet, der das Geschehen immer wieder unnachahmlich zurecht zu rücken versteht. Da, wo der Vater sich an allem, auch an der dreckigen Bettwäsche des Sohnes, irgendwie versucht, festzuhalten, seinen verstorbenen Sohn „im Leben“, ins einem väterlichen Leben, halten will. Und doch irgendwie, auf irgendeine Weise, die Realität des Todes verstehen lernen muss. Wie so manche andere auch neben Michel Rostain.

 

Ein buch, dass genau für diese Trauerarbeit in seiner ganz anderen Art eine tiefe, echte und sensible Hilfe sein kann. Die helfen, „nach Worten zu suchen, die etwas sagen wo man nach Menschen sucht, die nichts mehr sagen“. Wie ungeheuer tröstlich ist es demgegenüber, welche Worte Rostain seinem Sohn in den Mund legt, die dieser sprechen würde, wenn er noch etwas sagen könnte.

 

Es gibt wenige Bücher, die emotional so bewegen wie diese Liebeserklärung an den Sohn (und an den Vater) in tiefster Traurigkeit, die ironisch, humorvoll, aber nie unsensibel, vor allem aber mit ganzem Herzen geschrieben wurden. Gut, dass Rostain es geschrieben hat. Nicht nur für ihn.

 

M.Lehmann-Pape 2012