Piper 2015
Piper 2015

Mikkel Borch-Jacobsen – Big Pharma

 

Erschreckend

 

Eigentlich sollte man davon ausgehen, dass die Medizin und damit auch jene Firmen, welche die „Instrumente“ für die Medizin im Sinne von Arzneimitteln bereitstellen, das jeweilige Wohl des Patienten vor allem im Auge halten.

 

Doch nicht nur aufgrund einer ganze Reihe von Pharma-Skandalen der letzten Jahrzehnte, sondern auch durch eine vielfältige Diskussion in den öffentlichen Medien und im Blick auf das eigentliche Primat der modernen Wirtschaftswelt (Profit) ist der Leser zumindest weitgehend an sich bereits misstrauisch geworden.

 

Da, wo Wachstumszonen an ihre Grenzen geraten, wo „neue Märkte“ und, vor allem, neue Absatzbringer ins Zentrum des Interesses rücken, da wächst proportional die Gefahr, dass einem „irgendwas“ verkauft wird. Pharmamittel, die im besten Falle unwirksam sind, die im schlechtesten Falle aber sogar krank machen. Und das, in Teilen, mit Wissen der Hersteller, bewusst, getrickst, ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Verbraucher, allein mit dem Ziel des eigenen Profits. Und das nicht nur in randständigen kleinen „Pillendrehern“, sondern durchaus verbreitet in Weltkonzernen mit ihren Möglichkeiten der Einflussnahme auf Gutachten, Bewilligungsvorgänge und Vertriebsmöglichkeiten.

 

Auf der Basis dieses Wissens verwundert es nicht, wenn Borch-Jacobsen für solche (und, wie er auf der Basis von Fakten und fundiert argumentierend nachweist, durchaus gängigen) Machenschaften den Begriff „perfekte Verbrechen“ wählt.

 

Mit den Folgen von Nebenwirkungen konkreter und verbreiteter Medikamente und der These, dass diese „Unfälle“ nicht bedauerliche Zufälle darstellen, sondern Teil des Systems sind und damit als „verbrecherisch“ eingestuft werden müssen, beginnt Borch-Jacobsen seine Untersuchung mit einem Paukenschlag, der umgehend wachrüttelt und den Leser sofort einen Blick auf die Beipackzettel seiner Hausapotheke werfen lassen wird (wobei dort eben nicht alle wichtigen Informationen zu finden sein werden, zumindest nicht bei manchen Medikamenten).

 

Warum das so ist, wie sich die Markmacht der Pharmaunternehmen in eine „Allmacht“ verwandelt hat in einer medizinorientierten Gesellschaft, wie aus Medikamenten gerade in der ersten Zeit ihrer Markteinführung (der „geschützten Phase“) der letzte Cent herausgepresst wird, dass die Unternehmen sich mehr und mehr vorrangig (wenn nicht gar alleine) dem „Dienst der Aktionäre“ verschrieben haben, statt dem Dienst am Patienten, dies führt das Buch sachlich und differenziert vor Augen.

 

Wobei Borch-Jacobsen zu bestimmten Themen im Buch auch anderen Fachleuten Raum gibt, die seine pointierten Feststellungen auf eine noch breitere Basis damit stellen.

 

„Marketing statt Wissenschaft“, Hauptsache, es klingt gut und lässt sich gut vermarkten, unter Umständen werden zudem noch „ganz neue“ Krankheiten „erfunden“ und flugs das entsprechende Mittel dazu präsentiert. Schritt für Schritt entzaubert Borch-Jacobsen die hehren Reden aus den Reihen der Pharmazie.

 

Hinter all dem ist nicht nur eine deutliche Sorge zu spüren, sondern auch ein ernsthafter Aufruf und eine konstruktive Möglichkeit, nämlich die Besinnung wieder auf die „Hinwendung zur Wissenschaft“, zur evidenzbasierten Arbeit an Medikamenten, die verantwortlich zu geschehen hat (und auch in dieser Weise im Übrigen satte Gewinne einfahren würde).

 

Doch viel Hoffnung lässt das Buch am Ende nicht. „Die Medizin verschwindet“, so konstatiert Iona Heath im Epilog und lässt damit den Stachel der Empörung unvermindert beim Leser stecken. Denn nur in der Mündigkeit des Patienten kann ein Gegengewicht entstehen. Bei den niedergelassenen Ärzten zumindest, so zeigt es dieses Buch durchaus auch empirisch auf, ist großer Widerstand nicht zu erwarten. Denn auch dort fällt ein warmer finanzieller Regen für all jene, die sich dem Marketingsystem der Pharmaindustrie nicht verschießen.

 

Eine wichtige, teils empörende, sehr informative und kritische Lektüre, die das Lesen durchweg lohnt.


M.Lehmann-Pape 2015