Klett-Cotta 2016
Klett-Cotta 2016

Misha Glenny – Der König der Favelas

 

Fundierter und atmosphärisch dichter Einblick in die Realität Brasiliens

 

Es ist dieser erste Gang, die Straße in der Favela ganz hinauf auf die Spitze des Hügels, dort in der „Straße Nr.1“.

 

Ein Gang, den Eduardo nicht leichtfertig und auch nicht leichten Herzens geht. Hin zu „Lulu“, dem „König der Favela“, dem Mann, der alle „dunklen“ Geschäfte unter sich hat.

 

Ein Gang, der nicht der Lust am Geld des Eduardo geschuldet ist, sondern, letztlich (und das arbeitet Glenny sehr lesenswert und sehr kundig heraus), den Umständen des Lebens in der Favela und im Rio de Janeiro (nicht nur) jener Tage.

 

Die Tochter schwer erkrankt. Sein Lohn reicht zwar aus, um ein „ehrbares“ Leben mit Frau und Kind in einer eigenen, überaus kleinen Wohnung zu führen, aber nicht, um Arztrechnungen zu bezahlen, die am Horizont klar benannt im Raum stehen.

 

So bleibt (und das nicht nur Eduardo) nur dieser eine Weg. Teil der „Gang“ zu werden, Teil der Kriminalität, zunächst ganz am Rande, als einfacher „Aufpasser“.

 

Doch Schritt für Schritt wird Eduardo (manches Mal auch ohne direkte Absicht und gar nicht so massiv angestrebt), in diesen Kreisen den Weg nach oben antreten.

 

Bis dahin, dass er der Drogenboss der Favela und darüber hinaus wird, bis dahin, dass er als „Staatsfeind Nr. 1“ von den Behörden gejagt werden wird.

 

Eine Lebensgeschichte, die Glenny als roten Faden im Buch erzählt, für die er direkten Zugang zu besten Quellen und zu Eduardo als Person im Gefängnis hatte. Eine Geschichte, die Glenny allerdings bei Weitem sich nicht nur darin erschöpfen lässt eine Gangster Biographie zu schreiben, sondern eine Geschichte, in der er sehr gründlich und sehr breit gerade auch das gesamte Umfeld dieses Lebens erzählt.

 

Das Wachstum der Favela, die Familiengeschichte Eduardos, die Zustände und Umstände, in denen dort gelebt wird, das soziale Leben in Rio, die krasse Gegensatz zwischen Reich und Arm, die Ausweglosigkeit eines „normalen“ Angestelltenlebens. Diese Mikroschritte, die es nach vorne gehen könnte und die ständige Gefahr des umgehenden Absturzes, wenn auch nur eine Kleinigkeit nicht passt, danebengeht, das Schicksal nicht gnädig ist.

 

Und ebenso erzählt Glenny von der sozialen Struktur innerhalb dieser fast „geschlossenen Gesellschaft“ des Lebens in der Favela, dass der „Chef“ nicht nur Krimineller ist, sondern eben auch Sozialamt, Bürgermeister, Ordnungskraft im brodelnden Gefüge.

 

Im Stil einer fundierten und breiten Reportage führt Glenny den Leser mitten hinein in den Alltag Brasiliens, legt die soziale Struktur in den wesentlichen Facetten vor die Augen und vollzieht dies zudem in einer sehr flüssigen, sehr lesenswerten Art und Weise, die in Teilen fast wie ein Thriller den Leser in Spannung versetzt,

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2016