C.H.BEck 2018
C.H.BEck 2018

Nelson Mandela – Briefe aus dem Gefängnis

 

Ein wahrhafter historischer Spiegel der Person, der Zeit und des Kampfes

 

„Doch ich weiß, liebe Mntakwethu, dass jeder Deiner Knochen, jedes Gramm Fleisch und jeder Blutstopfen, dass dein ganzes Ich aus einem Block Granit gehauen ist und dass aber auch gar nichts, nicht einmal Krankheit, das Feuer zu löschen imstande ist, dass in dir brennt“.

 

So schreibt es Mandela am 20. Juni n1970 an seine Frau Winnie und zeigt damit auch poetische Anwandlungen auf „Nelson-Art“. Nicht filigran in den Bildern, aber treffend und klar gezeichnet, mit einfacher Sprache, in der doch Mut, Zuversicht und Sorge zugleich mitschwingt.

 

„Obwohl ich bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholt vorstellig wurde, wurde mein Antrag nicht genehmigt“ (wie viele andere Anträge Mandelas in seinen langen Jahren in verschiedenen Gefängnissen Südafrikas, vom 7.11.1962 an bis zum 11.2.1990.

 

Ein Briefverkehr, überwacht, beeinträchtigt, mitgelesen vom „System“, penibel im Wortumfang zunächst festgelegt und, wie in allen anderen Bereichen der Haft auch, darauf ausgelegt, die politische Kraft des Mannes nicht mehr wirken lassen zu wollen und den Häftling „zahnlos“ zu machen.

 

Was nicht gelingt und sicherlich einer der wichtigen, roten Fäden durch diese gesammelten Briefe der Gefängniszeit darstellt. Diese ruhige Unbeugsamkeit, dieses Beharren auf den eigenen Rechten und dem eigenen Weg. An dem Mandela natürlich Tiefen erlebte und dennoch in regem Kontakt mit den Seinen blieb, ein Kontakt, der sich mehr und mehr erweiterte und verbreitete, je länger die Gefängniszeit voranschritt.

 

So ist zum Ende hin ein vielfacher, reger Briefverkehr im Buch dargelegt, teils kurze und knappe Briefe. Dass auch der Dank für Glückwünsche zum Geburtstag (an den Sekretär Potswa) später Briefe wert sind, zeigt auf, dass die Restriktionen der Worte sich im Lauf der Jahre vielfach gelockert hat und Mandela nicht mehr mit jedem Buchstaben und jedem Blatt Papier haushalten musste.

 

„Ihr habt mich vielleicht in der Zwischenzeit vergessen, aber ich habe in den vergangenen 27 Jahren oft an Eure ordentliche Wohnung in Jeppe gedacht“.

 

Intensive Reflektionen über die eigene und die Lage im Land, vor allem intimer Kontakt, soweit das durch die Briefe zu den Seinen möglich war, zudem informelle Briefe und, durchgehend, er selbst bleiben, all das findet sich in der ein oder anderen Weise im Lauf der Jahre immer wieder ausgedrückt in den nun erstmalig umfassend gesammelten Briefen jener 27 Jahre. Bei deren Lektüre der Leser einen tiefen Einblick erhält in die einerseits gradlinige Einfachheit des Mannes und die ebenso vorhandene Unbeugsamkeit, die, zumindest in den Briefen, eigentlich nie unhöflich oder anmaßend daherkommt.

 

Ebenso wenig stilisiert Mandela sich selbst. Keine abstrakten, mäandernden Sätze, keine Ausarbeitung politischer Programm. Nur einer, der für sich klar hat, wo er steht, der in klaren Worten das Ziel beschreiben kann und der dafür Bedrängung auf sich nimmt. Der durchaus seine Nöte und Dramen der Haft zu vermitteln versteht, dabei aber hartnäckig und standhaft blieb.

 

Wie exemplarisch der knappe Briefverkehr mit einem Gefängnisdirektor über Zensur von Briefen aufzeigt. Da lässt Mandela nicht locker, wie es seiner Art entspricht. Höflich im Ton, unverrückbar in der Sache, Momente, in denen sich die Durchhaltekraft des Mannes in seinen eigenen Worten finden lässt.

 

„….ich bitte Sie, mir mitzuteilen, ob dieser Brief angekommen ist oder nicht!“.

 

Momente aus den frühen 80er Jahren, die aufzeigen, dass eine Lockerung im Umgang oder mehr Privilegien für Mandela auch nach fast 20 Jahren Haft noch nicht im Raum standen. Bis dahin, schon früher, auch zu Beerdigungen im Familienkreis, selbst zu der der eigenen Mutter, keinen Ausgang zu erhalten. Oder den Tod eines seiner Söhne letztlich so gut wie alleine verarbeiten zu müssen.

 

 

Eine wichtige, Lektüre, menschlich und historisch, die wie ein Lehrmaterial für das Einstehen für Freiheit und Überzeugungen mit Mut und Beharrungsvermögen dem Leser vor Augen stehen. Was für eine Zeit wieder von starker Bedeutung wird, in der gegenseitige Würde und Respekt angesichts zunehmender rassistischer Tendenzen wieder unter gesellschaftlichen Druck geraten.

 

M.Lehmann-Pape 2018