C.H.Beck 2015
C.H.Beck 2015

Nicholas Kulish, Soud Mekhennet – Dr. Tod

 

Intensive Recherchearbeit

 

Leistungssportler, Medizinstudent, Arzt, Nazi, eiskalter Mörder, grausamer Henker, Familienvater, wohlsituierte Stütze der Nachkriegsgesellschaft, misstrauischer Flüchtling, all das war Aribert Heim in seinem Leben.

 

Ein Leben, das an sich bereits einer Biographie wert ist und das akribisch von den Autoren, soweit es nur möglich ist, im Buch nachvollzogen wird.

 

Im KZ Mauthausen betrachtet sich jener Dr. Heim die Zähne jüdischer Gefangener.

Ist das Gebiss hervorragend, wird umgehend getötet, geköpft und der Schädel umfassend gesäubert wie eine Trophäe auf dem Schreibtisch platziert.

 

Einer, der sich gegen jeden verwahrt, der arische Häftlinge drangsaliert, der aber überhaupt kein Problem damit besitzt, Operationen am lebendem Körper ohne Betäubung durchzuführen, sobald es Juden betrifft.

 

Einer, der eine ganz besondere Art von Sadismus in sich getragen hat.

 

„Vor allem war es deshalb schrecklich, weil er sich mit den Leuten aufs Gemütlichste unterhalten hat und sie sodann durch Herzinjektion getötet hat“.

Nachdem er sich noch tief freundlich danach erkundigt hat, ob denn alles für die lieben Nachkommen auch geregelt sei.

 

In den Wirren der Nachkriegszeit und der Entnazifizierung, in dem starken Bemühen jener Jahre, möglichst rasch zur Normalität über zu gehen, gelingt dem Österreicher Heims der „Neustart“. Als Eishockeystar. Als Arzt. Als Ehemann, der in eine vermögende Familie einheiratet. Als Vater. Als praktizierender Gynäkologe mit Villa in Baden Baden.

Ohne Skrupel oder jemals ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben, wie die Autoren überzeugend aufzeigen.

 

Bis Anfang der 60er Jahre u.a. durch die Arbeit Simon Wiesenthals und einiger Polizeibeamter Kriegsverbrechen aufgerollt und Kriegsverbrecher wie Mengele und Eichmann öffentlichkeitswirksam gesucht (und gefunden) werden.

 

So gerät auch Heims Schritt für Schritt in den Blick der Ermittler, die sich durch Aktenberge arbeiten.

 

1962 flieht Heims, unterstützt vor allem von seiner Schwester und wird mit offenen Armen im Ägypten Nassers zunächst aufgenommen.

 

Die Arbeit der Ermittler, Heims Einkünfte aus einem Mietshaus in Berlin, sein sich Einrichten in Ägypten, der Versuch eines weiteren Kontaktes zu seiner Familie und, letztendlich, wie seine Spuren bis zu seinem Tod aufgespürt wurden, das ist das eine Thema dieses sorgsam vorgelegten biographischen Berichtes.

 

Der seine eigentliche Brisanz und Botschaft dann aber im Exemplarischen des Lebensweges Heims trägt.

Im Umgang mit diesen Verbrechen, im akribischen Aufzeigen der Wege nach dem Krieg. Jahre, in denen viele aus der „zweiten“ Reihe ungestört wieder Fuß gefasst haben. In den Wirren der „Entnazifizierung“, der viele, viele durch die Maschen gingen.

 

Und doch nicht, zum Glück, einfach so „zur Ruhe kamen“, was konkreten Menschen und ihrer hartnäckigen Verfolgung von Gerechtigkeit zu verdanken ist (die im Buch ebenfalls ausführlich portraitiert werden).

 

Trotz der etwas trockenen Sprache und der eher Berichtsform der Darstellung ein interessantes und kenntnisreiches Buch zu einem der größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und dessen Täter. Ein Buch, das seine Stärke gerade darin besitzt, einen konkreten Weg von Anfang bis zum Ende minutiös zu beschreiben und nicht nur an Überschriften hängen bleibt.


M.Lehmann-Pape 2015