Ullstein 2014
Ullstein 2014

Owen Matthews – Winterkinder

 

Authentische Reportage, die oft unter die Haut geht

 

Der reiselustige englische Vater, die lebensoffene, leidenschaftliche Mutter, ein großes Umfeld an Familie, dass auch später noch immer wieder und nach und nach und immer mehr aus Russland „eintröpfelte“, das ist, was Owen Matthews an Familie geprägt hat.

 

Eine Familiengeschichte, gerade was seine Eltern und die Großeltern mütterlicherseits betrifft, die nun in Buchform dem Leser einen tiefen Einblick in die Atmosphäre und jüngere Geschichte Russlands zu geben vermag.

 

Aber auch in innere Seiten, Mentalitäten, Haltungen, in denen sich jene „russische Seele“ zwar nicht einfach zu begreifen zu Händen gibt und ebenso nicht platte Vorurteile bestätigt werden, wohl aber der eine oder andere „Blick“ nach innen möglich wird.

 

„Was sie mit den anderen Emigranten teilte, war die Verachtung des russischen Systems“. Und was seine Mutter auch in sich trug, war die Lust am Schönen, auch am Materiellen und damit die ständige Reibung mit dem „englischen Geiz“.

Da öffnet sich so ein leichter Blick, ein tieferes Verstehen der überschäumenden Lebens- und Kauflust der (nicht aller, aber mancher) „Russen“.


„Was machst Du, wenn die Roten wiederkommen?“.

 Dann, zumindest eben hat man das gehabt! Genossen. Sich darin verloren und geschwelgt.

 

Denn Armut, Bedrängung, Kälte innen wie außen, sich kaum etwas gönnen können (selbst wenn Geld dagewesen wäre, wäre kaum etwas an Dingen im Angebot gewesen), das alles prägte tief jene Generation, die unter Stalin und Nachfolgern den Kalten Krieg und die Bedrängung des eigenen Volkes miterleben musste.

 

„Milas Beispiel erwies sich als ansteckend. Einer nach dem anderen sollten fast alle ihre Freunde und Verwandten entweder Russland verlassen oder Ausländer heiraten“.

 

Und das, im Übrigen, interessanterweise, nicht aus Berechnung. Nicht „um herauszukommen“, sondern ebenfalls aus „tiefstem Herzen“.

„Wenn schon, dann mit allem, was man innerlich hat“, so könnte man die innere Haltung vor allem Milas, der Mutter, ausdrücken.

 

Dafür steht die Liebesgeschichte von Mila und „ihrem Engländer“, Mutter und Vater des Autors, die sich mitten im kalten Krieg in Russland kennen und lieben lernten.

 

Und das mit Überschwang, das kann man durchaus sagen in Hinsicht auf jene Briefauszüge seiner Mutter, die Matthew im Buch nutzt. Leidenschaft, Tiefe, eine Form des Ausdrucks und der dargestellten Liebe, die den emotional eher distanzierten Westeuropäer (und damit auch den jungen englischen Mann) immer wieder fast überrollt.

Wie aus „Romeo und Julia“ entnommen, mit dramatischer Geste und Pathos an allen Enden gelingt hier ein weitere Blick in eine Form der russischen Mentalität, der fremd und doch faszinierend vor dem Leser sich ausbreitet.

 

Gegen alle Systeme, gegen KGB und Widerstand der eigenen Mutter, im Hinterkopf noch das „einfach so“ Verschwinden des Großvaters, der im Zuge einer Verhaftung hingerichtet wird. Da ist der leidenschaftliche Kampf für sich selbst, die innere Aufwühlung als fast „zweite Natur“ verständlich vorgelegt.

 

Eine Prägung für das Leben. Die einerseits Grenzen durchlässig machte mit all ihrer Energie der Liebe, die andererseits späterhin immer wieder zu Reibungen einfach führen musste.

 

„Nun, da meine Mutter keine epischen Gefechte mehr auszufechten hatte, richtete sie ihre Energien auf die Menschen, die ihr am nächsten waren ….. Das Reihenhaus in Pimlico war viel zu kleine für diesen Dynamo emotionaler Energie“. Woraufhin sich Matthews Vater regelmäßig auf sich selbst und sich selbst zurückzog.

 

Diese Energie ist das eine, die Matthews in dieser im Ton sehr sachlichen Biographie hervorragend darstellt, das Leben in Russland, die Zeiten Stalins, des Krieges, des späteren Kalten Krieges du das Ergehen seiner Familie darin hat er fundiert recherchiert und in diesem Buch nachvollziehbar zusammengetragen. Auch eine Elegie des Leides und des Überlebenskampfes beinhaltet diese Familiengeschichte. Ein Eintreten für die (persönliche) Freiheit mit aller Kraft. In nicht einfachen Systemen.

 

„Das waren furchtbare Zeiten … Ihr Großvater glaubte, aber glauben sie nicht, dass die Ankläger selber glaubten? Oder die Männer, die ihn erschossen haben?“

 

Eine Hilfe zu einem tieferen Verstehen der jüngeren russischen Geschichte und der Prägung der Menschen dort, eine Geschichte der Emigration und mancher Emigranten, ein Kampf und Sieg der Liebe in sehr leidenschaftlicher Form, ein sich zurecht finden im normalen Alltag (was schwierig war).

 

 

Alles in allem eine sehr gelungene, lange nachhallende Lektüre, die im Beschreiben des äußeren Leben und im Offenlegen des inneren Erlebens den Leser mitten hineinnimmt in diese besondere Lebens- und Familiengeschichte.

 

M.Lehmann-Pape 2014