Knaus 2011
Knaus 2011

Peter Ackroyd - Venedig

 

570 Seiten pulsierendes Leben

 

Warum das Buch den Untertitel „Eine Biographie“ trägt (und nicht etwa eine schnöde „Stadtgeschichte“ darstellt), das ergibt sich aus zwei Elementen des Buches. Zum einen der Herangehensweise und dem Stil des Autors. Wie eben einem lebenden Wesen nähert sich Ackroyd seinem Venedig, wie einer Persönlichkeit mit vielfältigen Facetten, und setzt dieses Lebendige umgehend um in einen frischen, flüssigen, empathischen und durchaus begeisterten (in Teilen ebenso begeisternden) Sprachstil. Zum anderen ist Venedig, aus den Augen Ackroyds betrachtet, nicht nur eine Sammlung von (teils meisterlich) verbauten Steinen, sondern eben durchaus ein Organismus, der sich durch die Jahrhunderte seiner prallen Geschichte entfaltet, entwickelt, immer aber lebendig vor den Augen der Welt liegt.

 

Jene damalige „konservativste aller denkbaren Gesellschaften“, lange vor allem, was Tourismus ausmacht, lange vor aller romantischer Verklärung, die es als den Zenit von  Flitterwochen begreift, in einer Gondel durch Kanäle gerudert zu werden. Es galt in Venedig: „Tradition wurde hochgehalten, die Obrigkeit nicht nur respektiert, sondern vergöttert“.

Eine Stadtgesellschaft, die ständig auf der Suche nach ihrem historischen Ursprung war, Ursprünge verehrte und damit auch ihre Bräuche hoch achtete.

Hier liegt vielleicht eines der Geheimnisse verborgen, aus dem heraus Venedig bis heute seinen strahlenden Nimbus aufrechterhält. Auf die Vergangenheit fixiert, ohne die Gegenwart je aus dem Blick verloren zu haben, ergibt sich eine Tiefe des Lebens, der Bräuche, der Feiern, der Traditionen, die den Besucher umgehen in den Bann ziehen (bei allem Ärger über touristische Einschränkungen und reine Geldschneiderei im Venedig der Gegenwart) und die Ackroyd präzise in Worten darzustellen versteht.

 

Chronologisch breitet Peter Ackroyd dabei die „Lebensgeschichte“ der Stadt vor den Augen des Leser aus. Von den Ursprüngen auf einer kleinen Gruppe von Inseln, „Rivoalto“ (heute „Rialto“) ausgehend, durchzogen vom Fluss „Rivoaltus“ („Canale Grande“ heute) beschreibt Ackroyd die Probleme der Stadtgründung, die zentrale Bedeutung der Verbindung mit Byzanz und den Aufstieg Venedigs aus diesen Ursprüngen heraus. Wie der heilige Markus in der Stadt wirkte und sie (bis heute) prägte. Die Zeit der Dogen, des Stadtstaates, die Zeit des oberen Bürgertums und der Macht der Kaufleute, welche die dann „Republik Venedig“ zu Zeiten zum größten Handelsimperium Europas entwickelten.

 

Dies alles ist Geschichte, was aber den besonderen Zauber, den Nimbus, das „Herz“ Venedigs ausmacht, dass ist die untrennbar gewordene Verbindung von Stadt und Kunst, von Leben und Kunst. Durchaus ein Symbol dieser Verbindung von Kunst, Leben und Lebenskunst ist der Karneval in Venedig, den Ackroyd ausführlich beschreibt, aber auch die vielfachen Kunstwerke, die Bilder Bellinis, die Musik, die „steinerne Kunst der Bauten“ all das, was Venedig letztlich in den Rang fast eines Mythos erhebt. Künstlerische  Objekte und eine Art zu Leben, anhand derer Akroyd der „Persönlichkeit“ der Stadt durch die Jahrhunderte in all ihren Facetten, ihrer vielfältigen Geschichte und den daraus resultierenden Entwicklungen nachzugehen versteht.

 

Nach den Biographien Londons und Shakespears legt Peter Ackroyd in seinem lebendigem, unverwechselbarem Stil einen prallen, hoch informativen Blick auf eine ganz besondere Stadt, auf einen guten Teil zentraleuropäischer Geschichte und auf eine Verbindung von Leben und Kunst vor, die mühelos bis zur Gegenwart reicht.

 

M.Lehmann-Pape 2011