C.H.BEck 2016
C.H.BEck 2016

Peter-André Alt – Sigmund Freud

 

Breit, umfassend und in die Tiefe gehend

 

Sexualität und Neurose, Träume und das Unterbewusstsein, das System der familiären Bedingungen und die Auswirkungen der gesellschaftlichen Normen und internen Regeln. All dies sind jene Themen, die vor Sigmund Freud nicht im Blick der Medizin standen und die nach ihm und seitdem untrennbares Vokabular zum Verständnis des Menschen und seiner Handlungen, seiner Selbstzerrissenheit und seiner inneren Antriebe (und Triebe) darstellen.

 

Wobei es durchaus auch interessante Fragen sind, denen Alt mit nachgeht, ob die Zeit den Mann oder der Mann die Zeit geprägt hat. Oder beides (wahrscheinlich) einander eng bedingt hat.

 

Wobei auch in Bezug auf die eigene Person zentrale Momente seiner medizinisch-psychologischen Erkenntnisse durchaus wesentliche Anhaftpunkte in sich tragen. So, wie er den „Todestrieb“ erforscht hatte, so erlebte er selbst in seinen letzten Monaten eine tiefe „Todessehnsucht“, nichts Unbekanntes mehr, seitdem er Jahrzehnte zuvor begonnen hatte, die existenziellen, inneren Momente des Menschen, seine Antriebe, seine Neurosen, die inneren, wirksamen Kräfte zu betrachten und zu beschreiben.

 

„Die Erfindung einer neuen Lehre vom Menschen, die das Verständnis unseres Seelenlebens umfassend und eingreifend veränderte“.

 

Wie das Leben dieses Mannes verlief in den äußeren Stationen, in dem, was sein Denken und seine Haltung prägte und in all dem, was in diesen Jahrzehnten in ihm an Erkenntnis reifte und durch ihn Grundvokabular der menschlichen Seele wurde, all das schildert Alt in großer Ruhe und Sachlichkeit, in fließendem, sehr verständlichem Stil und, was an manch anderen Biographien hier und da zu kurz kommt, auch mit der nötigen Muße, an entscheidenden Stellen in die Tiefe der Umstände, des Denkens, dieses Lebens zu gehen.

 

So dass im Verlauf der Lektüre noch einmal differenziert klar wird, was Freud wirklich meinte (und was heute oft nur sehr verkürzt in Schlagworten im Raum steht) und wie sehr er tatsächlich die Welt verändert hat mit seinen Erkenntnissen und Theorien, bis hin zum „modernen Bild des Arztes“, der eben seit Freud mehr und mehr nicht mehr nur sachlich Diagnosen sucht, sondern eben für jene ein breites und tieferes Verständnis des Patienten und seiner Befindlichkeiten notwendig erheben sollte.

 

Angefangen da, wo Freud als zutiefst „einsamer Mensch“ sich selbst analysierte (soweit das möglich ist), „um daraus neue Einsichten über kindliche Verhaltensweisen und erotisch geprägte Mutterliebe, über die infantile Sexualität und die feste Verbindung zwischen Angst und Libido zu gewinnen“.

 

Auch dies hebt Alt hervor. Die persönlichen Antriebe Freuds aus Einsamkeit heraus, aus der Angst vor dem Scheitern, der Entblößung in den Augen der Wissenschaft und die daraus möglicherweise folgenden Verurteilungen seiner Person und Arbeit. Ein nicht zu unterschätzender Antrieb, wie im Buch zu lesen ist, für die Intensität und die möglichst hohe Absicherung der Ergebnisse der Arbeit, die Freuds Arbeitsstil lange geprägt hat.

 

Das gerade der dogmatische Anteil der neu entwickelten „Psychoanalyse“ seine Rigidität aus der Enge der Epoche zog, dass so manches an der Begrifflichkeit und den Deutungen Freuds ebenfalls der Zeit mit ihren engen und festen (gerade in Fragen der Sexualität) Normen und Moral geschuldet sind, wird von Alt differenziert erläutert. Was nichts am Kern der Bedeutung Freuds und seiner Theorien für die Entwicklung der modernen Kultur und, in Vielem, an der Richtigkeit von Grundbeobachtungen ändert, die bis heute Geltung besitzen (wenn auch in reflektierter und erweiterter Form).

 

Schritt für Schritt legt Alt dieses Leben chronologisch und ausführlich vor, langweilt dabei an keiner Stelle, sondern erzählt vielmehr hier und da fast in Romanform von Freud auf dem Hintergrund seiner Epoche, einer „Zeitenwende“, an der Freud selbst gewichtigen Anteil besaß.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre zu Leben und Werk einer maßgeblichen Person der Kultur- und Zeitgeschichte.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016