Edition Lammerhuber 2016
Edition Lammerhuber 2016

Peter Bauza – Copacabana Palace

 

Schattenseiten

 

Olympische Spiele und Paralympics, zwei Großereignisse, die den Blick der Welt (wieder einmal) auf Brasilien gerichtet haben. Das Land voller Gegensätze, wobei Peter Bauza in diesem beeindruckenden, teils emotional sehr nahekommenden (und nicht immer leicht zu ertragendem) Bildband die „reiche Seite“ Brasiliens und der Copabacana eher „links liegen lässt“.

 

Das „einfache Volk“, die bedrängenden, armen Lebensverhältnisse, jene Möbel, die selbst zusammengezimmert irgendwo in der Ecke stehen oder, so nicht selbst gebaut, in den reichen Gegenden der westlichen Hemisphäre selbst von Sperrmüllenthusiasten nicht angefasst werden würden.

 

Das Copacabana Palace ist ein Wohnprojekt, das nie fertig gestellt wurde und dennoch bewohnt wird. Sechs Häuser, die eher an apokalyptische Bilder von Verfall erinnern als Heimat für hunderte von Menschen (und Tiere, Hunde, die im Grad der Verwahrlosung dem Umfeld in nichts nachstehen).

 

Dunkel, düster, kaputt, auseinanderfallend, so die Eindrücke durch die vielfachen, intensiv und bestens getroffenen Fotografien. Spielende Kinder mit, nicht selten, „alten Augen“, herumhängende Wäscheleinen, Behelfsduschen, hier und da ein zurückhaltendes Lächeln auf Fotopapier gebannt. Und, auch das im Buch zu finden, neben teils erschütternden Bildern, Partylaune, blitzende Zähne, bunte Lichter. Bis hin zu jenem Bild, dass tatsächlich nur mehr einen Schattenriss an der Wand zeigt, bei dem ein großer Vogel wohl seine letzten Atemzüge nimmt, bevor er zum Verzehr getötet und vorbereitet wird.

 

„Wer dorthin kommt, dem fällt als erstes der Gestank auf, ein Gemisch aus Kloake, Morast und verbranntem Müll. Zwischen den sechs Gebäuden stößt man auf Tierleichen, Tüten voll Kot….und immer wieder Bergen von Altmüll“.

 

Wobei es an allem fehlt, was als „Grundversorgung“ gekennzeichnet werden könnte. Trinkwasser, Kanalisation, feste Stromversorgung, Hygiene, medizinische Hilfe und vieles mehr sind an diesem Ort völlig unbekannt.

 

Ein Klima, das Bauza teilweise in solcher atmosphärischen Dichte im Bild bannt, dass man als Leser tatsächlich fast meint, diesen undefinierbaren, furchtbaren Geruch in der Nase zu haben.

 

„Und dennoch gibt sich keiner auf, jeder kämpft jeden Tag aufs Neue“.

 

Menschen, die in der ausfaltbaren Mitte des Buches in vielen kleinen Portraits ihre Kraft und Energie in die Pose legen, dem Betrachter gerade in die Augen schauen.

 

Ein Buch mit hoher Qualität in den Aussagen der Fotografien, dass wenig bis keinen Text benötigt und jene Seite Brasiliens, der Welt unmissverständlich vor Augen führt, die in den Hochglanzbildern sportlicher Großereignisse keinen Platz finden.

 

 

Wobei dieses „umgeschlagene“ Wasser bei den Wasserspringwettbewerben auch dem weltweiten Publikum (unfreiwillig) einen kleinen Eindruck von dem vermittelte, was in diesem Bildband massiv vor Augen gestellt wird.

 

M.Lehmann-Pape 2016