Kiepenheuer&Witsch 2013
Kiepenheuer&Witsch 2013

Peter Schneider – Die Lieben meiner Mutter

 

Von der möglichen Tiefe der Gefühle

 

Das ist schon eine ganz besondere Person, die Peter Schneider Schritt für Schritt nach langer Anlaufzeit in seinem Leben entdeckt. Ein mühsames Entdecken schon in der Form (Sütterli kann er kaum lesen), aber auch in dem, was sich da vor seinen Augen offenbart.

 

Die eigene Mutter als leidenschaftlich Liebende zu entdecken (und das nicht nur in Bezug auf den Vater....), eine ungeschützte Tiefe der Gefühle zu lesen und, durchaus, auch vor der Erotik nicht die Augen verschließen zu können. Jeder kann sicherlich nachvollziehen, dass dies ein befremdender Vorgang ist, ein mit starken Emotionen einher kommendes Erleben.

 

Eltern, gerade die Mutter, das sind doch in den Augen der Kinder fast geschlechtsneutrale Wesen. Mütter eben, nicht Geliebte im erotischen Sinn, nicht leidenschaftlich „Verfallene“. Eine leidenschaftlich Verfallene dann auch anderen Männern gegenüber und sogar nicht nur „einem Fehltritt“ ausgeliefert (denn man mit Mühe verstehen könnte)? Immer wieder zeigt Peter Schneider im buch seine eigene, innere Reibung mit jenem Bilder der Mutter, die „ganz und gar für die Kinder lebte“. Die Mutter, die er bis dato eben kannte.

 

Schon das ist etwas Besonders, dieses Trauen und Wagen der Mutter. Eine Frau, die Liebe und Leidenschaft an sich in sich trägt, Emotionen, die sich entzünden dann an dem ein oder anderen konkreten Mann neben dem eigenen Ehemann. Die sich selbst wagt. Unverholen.

 

Und das zu einer Zeit, die in ihren moralischen Ansprächen und Standards nichts mit einem liberalen Leben der Gegenwart zu tun hatte. Die harten Auseinadersetzungen mit der Schwiegermutter und das, ohne sich zu verleugnen, ohne zu verschweigen, erhobenen Hauptes, das zeugt von Mut. Wie auch andere Zeilen der Briefe aufzeigen, dass es hier um „die Natur“ der Mutter ging, nicht um eine willentliche Böswilligkeit oder reine Egomanie. Es geht um „Blitzschläge der Liebe“, wie Peter Schneider es benennt.

 

„Manchmal, wenn ich versuche, nüchtern zu sein, begreife ich nichts mehr. Aber ich kann nicht nüchtern sein. Hinter allen dunklen Fragen....... steht eben immer unerschüttert mein Glaube daran, dass  dies nicht alles umsonst ist“. Dass diese Lieben und Leidenschaften das Leben selbst sind.

 

So intensiv lebt die Mutter Peter Schneiders ihre Lieben, dass sie sich völlig hingibt, dass sie „ihr Leben in Deine Hand“ gibt. Und das alles  im Übrigen auch in härtesten Zeiten, im Krieg, auf der Flucht. Eine unglaubliche Energie ist es auch dem Leben an sich gegenüber, die aus den Zeilen des Buches, den Briefen, den eigenen Erinnerungen Peter Schneiders an die eigene Kindheit heraus im Buch deutlich wird. Eine Energie und Kraft, die sich eben auch (und vor allem) immer wieder ungeschützt in die Liebe wirft, so sie den Weg kreuzt. Ohne sich Konventionen, Widerstand, Missmut anderer dabei unterzuordnen. Die aber auch den Widrigkeiten und Härten des Lebens sich entgegenstellt.

 

Und das alles gelingt der Mutter zudem noch, in einer bewegenden, tiefen, die eigenen Gefühle auf den Punkt und im ungeschützten Moment der Leidenschaft auszudrücken.

 

So erschließt sich dem Leser allein bei der Lektüre der Briefe eine intensive Ahnung, davon, was Liebe sein kann, wie tief Leidenschaften reichen und wie bereichernd das alles für ein leben sein kann. Ein Leben, dass den Mut zur persönlichen Freiheit braucht, damals übrigens wie heute, um solche Intensitäten zuzulassen.

 

Das Peter Schneider selbst da hin- und hergerissen sich wiederfindet, dass dies für ihn als Sohn, der nur mehr kindliche Erinnerungen an die früh verstorbene Mutter in sich trägt wirklich ein schwerer Angang ist, auch das liest sich ungeschminkt aus dem Buch heraus.

 

„Dem Sohn, dem verspäteten Leser, sträuben sich die Haare. Er möchte seiner Mutter ins Wort fallen. Stopp. Streiche diesen Satz. Wie soll diese Liebe gut gehen. Du lieferst Dich diesem Liebaber, diesem Götterliebling, wie Du ihn nennst, mit Haut und Haaren aus, du bettelst ihn an, du kniest vor ihm“.

 

Ein faszinierendes Zeugnis einer faszinierenden Frau, eine Ode an die leidenschaftliche Liebe mit „Haut und Haaren“, den Mut immer wieder zu eigenen, starken und stärksten Gefühlen und ein Blick auf den Sohn, der dies alles zu verarbeiten hat. Ein bewegendes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2013