Aufbau 2017
Aufbau 2017

Peter Walther – Hans Fallada

 

Person im Chaos

 

Alles, was das später, vor allem im Innern der Person und daraus sich ableitend auch in den äußeren Lebensumständen Hans Falladas maßgebend, entscheidend, antreibend war, ist schon beim jungen Gymnasiasten Fallada bestens zu sehen.

 

Das bürgerliche Umfeld zu Hause (wie später auch in seiner Ehe), und das Unvermögen, das zu schätzen oder zu ertragen (gerade mit seiner Mutter pflegt Fallada einen sehr verletzenden Umgang).

 

Das „sich eingliedern können“ (rein äußerlich), wie in der Gastfamilie, als Fallada seine Schule abschließt und doch wieder die Brüche, als er das Haus des Geistlichen wegen Unverträglichkeit wieder zu verlassen hat.

 

Schriftstellerische Ambitionen schon früh im Leben mit schwankender Qualität. Intelligent, rhetorisch nicht auf den Kund gefallen, wie im späteren Leben auch. Und Menschen um ihn herum, von denen ihn ein Teil sehr schätzt und Großes in ihm vermutet und ein anderer Teil ihn schlichtweg ablehnt. Durch seine offene, freche Renitenz.

 

Selbst die Mutter eines engen Freunde versucht ihr Kind aus dem Umgang mit diesem „Schädlichen Menschen“ herauszulösen. Was sicher keine dumme Idee war, denn mit seinem engsten Freund plant Fallada aus „Weltüberdruß“ schon als pubertierender Jüngling den gemeinsamen Selbstmord. Der Ernst gemeint ist, wie der Verlauf der Aktion und die dann auf dem Boden liegende eine Leiche zeigt.

 

Aufenthalte in Sanatorien, Anstalten, eine zerbrechliche, Stimmungen unterworfene Person, in all dem ist bereits das spätere Wanken und Schwanken auszumachen, dass dieses Leben prägt, das neben des Schriftstellerischen Erfolges und des bürgerlichen Lebens mit Frau und Kind den Exzess lebt. Morphinist, Frauenheld, sich von der eigenen Familie Trennend (und doch nicht so richtig), lange, bis zum Sterbebett dauert es, bis ein klares Wort erklingt.

 

„Geh Du raus!“, soll Fallada seiner Frau Ulla entgegengeworfen haben, die ihn selbst auf der inneren Abteilung der Charité wieder mit Morphium in Berührung gebracht hatte.

 

„Wir sind alle in unseren Anlagen gefangen“, so drückt es Walther im Gesamtblick auf Fallada, diesen fast schizophren wirkenden Mann und Künstler aus, der von der eisernen Disziplin über das ruhige Leben bis zum ständigen Kampf mit inneren Dämonen, die am Ende den Sieg davontragen viele reibende, einander entgegengesetzte Kräfte in sich und nach außen zeigte.

 

Einer, der immer „vollauf beschäftigt war mit der Fülle seiner Figuren“, der „kleinen“ Männer und Frauen, des „einfachen Lebens“ mit seinen Verstrickungen. Kein Denker, dennoch einer, dem es gelungen ist, einigermaßen unbeschadet auch am künstlerischen Ruf das dritte Reich zu durchschreiten. Einer, „der maßlos und trieblos reagierte, schon mit gebrochenem Instinkt“, einer, der „guten, aber schwachen Willens war“.

 

Momente der Person und Etappen des Lebens, denen Walther sehr akribisch und teils auch sehr ausführlich (gerade, was die jungen, prägenden Jahre angeht, gerade auch, was die Werke Falladas angeht (die nicht alle über einen Kamm zu scheren sind), und damit in bester Weise das „Sein“ dieses zerrissenen Menschen, der sich gegen sich selbst kaum zu wehren vermochte, intensiv nachzeichnet. Mitsamt einem guten Stück an Zeit- und Wirkungsgeschichte, denn Fallada hatte ja durchaus internationale Wirkung mit zumindest einigen seiner Werke.

 

 

Eine interessante, ruhige, tiefgehende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2017