Droemer 2012
Droemer 2012

Philip Normann – Mick Jagger

 

Ein Leben in Fülle

 

Eines kann man Norman Philips nach der Lektüre des Buches auf keinen Fall vorwerfen:

Das er unter einer Ergebenheit, einer zu großen Nähe, einer unkritischen Haltung Mick Jagger gegenüber leiden würde. Norman Philips legt seinen Finger durchaus in Wunden und eine Vielzahl fragwürdige Charaktereigenschaften, so dass der Leser tatsächlich sich selbst ein Bild der „Lippen des Jahrhunderts“ machen kann und nicht unbedingt zu einer Wertung von Mick Jagger als „sympathischer Figur“ kommen wird. Das ist „Kumpel“, kein „Männerfreund“, keiner, der Rücksicht nimmt, wenn er „sein Ding“ durchzieht. Eher ein Ereignis denn eine fassbare Figur.

 

Einer, der zwei seiner Musiker durchweg als Angestellt „hielt“, der beim einzigen Autorenbeitrag Bill Wymans durchaus noch dafür sorgt, dass zumindest ein Teil der Tantiemen an ihn und Jagger geht. Der bei der angekündigten Trennung von Seiten Jerry Halls erst einmal die Rechtmäßigkeit der Ehe gerichtlich anzweifelt (8 Jahre Partnerschaft und vier gemeinsame Kinder interessieren Sir Mick einen Dreck, wenn es an seinen Geldbeutel gehen soll). Dessen erster Reflex auch in dieser Beziehung der gleiche war, wie bei der Trennung von Bianca. „Taschen zu!“. Ein übler Geizkragen, keine Frage.

 

Aber auch einer, anders betrachtet, der in der flüchtigen Welt des Glitters und Rock eben nicht Pleite geht, nicht vor die Wand fährt. Exzessiv lebt, aber nicht die Kontrolle verliert.

So haben  im Buch viele der vielen schwierigen, negativen Eigenschaften auch ihre positive Kehrseite. Für Mick Jagger zunächst.

Er ist es, der „den Laden zusammenhält“, der beinhart verhandelt und so auch den anderen Unsummen an Land spült (natürlich hat er den größten Anteil nachher auf dem eigenen Konto). Natürlich zieht er über Jahre hinweg auch Keith Richards mit, der im Drogensumpf über lange Zeit nur vor sich hin taumelte. Eine Beziehung im Übrigen, die Normann durchaus sachlich zu schildern versteht und jeglicher „Rock-Freunde-Romantik“ ziemlich entkleidet. Allein schon die gemeinsamen Anfangsjahre zeigen, dass beide sehr unterschiedliche Prägungen besitzen und sich im engen Verbund letztlich auseinanderdividieren mussten.

 

„Wann ist denn ihr Zickenkrieg beendet?“, wurde Keith Richards einmal, gefragt. „Fragen Sie die Zicke“, war seine einzige Antwort. Freundschaften mit Mick Jagger sind und waren schwierig, folgt man dem Buch. Was Geld angeht, vor allem aber auch, wenn man als Mann und „Freund“ eine attraktive Partnerin gerade an seiner Seite wähnt. Da kennt Mick Jagger keine Freundschaft. Sei es Eric Clapton mit Carla Bruni, Keith mit Anita Pallenberg, die verheiratete Angelina  Jolie, sie alle landeten über kurz oder lang in Micks Bett. Kein Wunder, dass eine ziemlich gereizte Stimmung dem Mann an vielen Orten gegenüber schlägt.

Was ihn nicht sonderlich interessiert.

 

Und dennoch so ziemlich der einflussreichste Musiker der Rockgeschichte. „Satsifaction“ ist das Lied der Zeit, das selber zeitlos wurde. Eine Band, die bis dato noch die größten Stadien füllt. Und einer, der seinem Publikum bereit ist, sich ganz zu geben, egal, was passiert. So räumt Norman auch mit der „Legende von Altamont“ auf und zeigt, wie professionell Jagger dort zu Werke ging, eben nicht “über Leichen“ seine Show abzog (vom Tod des Besuchers wusste er zunächst nichts) und nicht, wie andere Bands, die Bühne fluchtartig verließ.

 

Norman zeichnet ein sehr differenziertes Bild von Mick Jagger, von Höhen und Tiefen, von Geltungssucht und absoluter Kontrolle, mithin eines Mannes, der eine „lebenslange „Pubertät“ mitsamt ausgesprochener Sexsucht einfach lebt, der „ein Ding“ macht, ohne Rücksicht auf Verluste und mit einer ausgeprägten, mangelnder Empathie. Aber  auch einer, von dem Norman auch sagen kann:

 

„Welcher Mensch sich wirklich hinter der Jagger-Maske versteckt, lässt sich am ehesten anhand seiner sieben Kinder beurteilen.... Häufig ist es so, dass die Nachkommen von Rockstars ihre Väter geradezu hassen. Doch alle Kinder Sir Micks vergöttern ihren Vater geradezu. Wenigstens in dieser Hinsicht ist der ewige Teenager wirklich erwachsen geworden“.

 

Einer also, der in seinem Nest, in seiner Familie alles tut (solange es nicht um Monogamie geht), und nach außen hin vieles andere einfach ohne Zucken an sich abperlen lässt.

 

Norman Philips schreibt detailliert und differenziert, mit spürbarem, kritischen Abstand zu Jagger und würdigt dennoch das, was diese „Ein Mann Show“ an kreativer Leistung mit persönlicher Konsequenz und massivem Charisma der Welt gegeben hat. IN einem konkreten Umfeld und einer konreten Zeit, mit konkreten Wegbegleitern, die Norman alle erwähnt und zu einem Gesamtbild zusammenzufügen versteht. Ein Bild sicher eines „Mannes mit Maske“, aber ebenso sicher auch hebt sich bei diesem Buch der Vorhang zur „großen Show“, der „größten Band“ mit den laszivsten Lippen der Rock-Geschichte.

 

M.Lehmann-Pape 2012