C.Bertelsmann 2014
C.Bertelsmann 2014

Quais Akbar Omar – Die Festung der neun Türme

 

Zerstörung eines Landes und seines Lebens

 

Es war ein „ganz normales“, durchaus zivilisiertes und modern anmutendes, Leben, in dem Quais Akbar Omar aufgewachsen ist und dass er als heranwachsender junger Mensch kenngelernt hat.

 

„Meine Mutter trägt ihren kurzen Rock; sie sitzt in ihrem Büro in der Bank und bedient eine lange Warteschlange von Kunden. Sie genießt Respekt, weil sie sich im Bankwesen auskennt und immer eine Lösung für die Probleme der Menschen findet“.

 

Eine Frau. Im Beruf. Respektiert auch von den Männern der Stadt. Kurzer Rock. In Kabul.

 

 Der Vater „brettert“ mit seinen langen Haaren auf dem Motorrad durch die Stadt.

 

Eine Stadt, die lebendig ist, die blüht und in deren besserem Viertel die gesamte Familie lebt. Auf einem Grundstück des Großvaters mit Obstbäumen, Wohnhäusern, dem großen Teppichgeschäft, welches die Familie betreibt.

 

Und dann Trümmer, Chaos, Staub, über Zeiten hinweg vollverschleierte Frauen, Mädchen vom Schulunterricht ausgeschlossen. Terror, Krieg. Lange bevor  Amerika Terroristen in den Bergen Afghanistans jagte.

 

Als die Russen sich zurückzogen beginnt es. Die War-Lords übernehmen die Macht. Plünderungen beginnen, Kämpfe, von denen auch die Familie Omar betroffen wird.

 

Und es wird noch viel schlimmer werden.

 

„Wir haben keine Fotos. Es war zu riskant, sie während der Herrschaft der Taliban aufzubewahren……. Aber die Erinnerung daran, wie unser Leben war, bevor die Hoffnung aus Afghanistan verschwand, ist uns deutlich und klar erhalten geblieben“.

 

In teils surrealen Momenten beginnt die Familie ihre Flucht. In voll beladenen PKW. Fährt aus dem umkämpften Stadtteil, der in Krieg und Angst versinkt nur über einen kleinen Hügel, um wieder mitten im normalen Leben in Kabul zu sein.

Das „alte Afghanistan“, in dem es sich ruhig und sicher leben ließ und direkt daneben das beginnende „neue Afghanistan“, in dem nur noch Angst und Terror herrschen.

 

Quais Akbar Omar erzählt von der Flucht, dem Versuch, sich zu retten (wenn schon die eigene Habe verloren geht), von der Irrfahrt (teils auch zu Fuß) durch den Norden des Landes, von Auflösung der alten Ordnung, von den Taliban, von ständigen Angst und gefahrvollen Momenten, von möglichem Verrat und Unterstützung, vom Versuch, irgendwie am Leben zu bleiben in diesen Jahren, vom nomadischen Dasein in unwirtlichen Gegenden und vielem mehr.

 

„Kabul ist zu einem sehr staubigen Ort geworden“, und das nicht nur im wörtlichen Sinne, so sinniert Omar zu Beginn des Buches über seine Heimat.

Einer, der sagen kann: „Ich habe noch meine beiden Arme und Beine, was im mit Minen übersäten Afghanistan schon etwas heißen will“. Und einer, der vor Ort ist und bleibt. Mit Hoffnung, aber eben auch einer harten Geschichte, die er als junger Mensch zwar auch von ihrer abenteuerlichen Seite her erlebt hat (und davon berichtet), die nichtsdestotrotz das gesamte Leben verändert hat.

 

Ruhig und sachlich, beschreibend im Ton, ohne Pathos oder viel Aufheben und darum umso treffender und eindringlicher führt Omar in seinen Erinnerungen der Welt vor Augen, was einen Untergang einer Zivilisation ausmacht. Wie es beginnt. Was fundamentalistische Haltungen aller Coleur für zerstörende Folgen haben.

 

Und er führt eine Kultur vor Augen, die im „freien Westen“ bestenfalls aus Nachrichten her gekannt ist. Eine Lebensweise, für die er die Augen öffnet, auch einen Islam, der liberal und menschenzugewendet durch ihn repräsentiert wird. Ein Afghanistan, das es „auch einmal“ gab. Und das es wiedergeben könnte.

 

„Mein Vater war der dritte Sohn. Wie auch alle meine Onkel hatte er nur eine Frau. In unserer Familie war es nicht üblich, mehr als eine Frau zu haben“.

 

Und dennoch ist die Religion und der Glaube lebendig zu spüren in diesen Erinnerungen. Ein vielleicht Nebenaspekt des Buches, aber ein wichtiges Moment, einfach zu sehen, wie der „normale islamische Bürger“ sein Leben und seinen Glauben ganz alltäglich durchaus ohne ständige Scharia Drohungen oder Repressionen lebte und leben will (so man ihn lässt).

 

Eine Geschichte auch, wie es immer wieder radikale Minderheiten sind, die ganze Landstriche und Länder in Angst und Schrecken versetzen und ihren Willen gewaltsam (zum Schaden aller) durchsetzen. Ein Druck, der auch im Afghanistan der Gegenwart weiterhin droht und spürbar im Raum steht.

 

„Leser und Leserinnen außerhalb von Afghanistan mögen sich vielleicht wundern, warum ich….so wenig Eigennamen meiner Familie preisgebe. Meine Landsleute jedoch werden dies verstehen.

 

 

Eine hervorragend, lebendig erzählte, dichte und wichtige Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014