Heyne 2011
Heyne 2011

Robbie Williams, Chris Heat – You know me

 

Zweckentfremdete Socke

 

Natürlich weiß man, dass heutzutage nichts an Image dem Zufall überlassen wird, dass sich Scharen von Beratern, Marketing-Fachleuten und die entsprechenden Persönlichkeiten selbst beständig darum bemühen, ein konkretes Image des Künstlers zu erzeugen und zu verbreiten, dass natürlich in erster Linie verkaufsfördernden Nutzen haben soll.

 

Bei diesem Buch aber ist es gestattet, über dieses Wissen hinaus zumindest ein wenig daran glauben zu wollen (vielleicht auch zu können), dass hier Robbie Williams zumindest in Teilen tatsächlich begegnet. Nicht nur wegen der Socke (deren Hintergrund der Leser im Buch übrigens selbst zu entdecken hat, hier wird das Geheimnis nicht gelüftete werden).

 

Vom Wortspiel des Songs ausgehend, kennt natürlich jeder Robbie Williams. Meint, auch mehr zu kennen als nur den Entertainer von überbordendem Talent. Genügend sind ja auch die Vielzahl an Eskapaden, Entziehungskuren, sexueller Anekdoten mitsamt des schwankenden Körpergewichtes durch die bunten Blätter der Welt gegangen.

 

Nichts von dem wird übrigens verschwiegen im Buch, aber natürlich mit einer ständigen Brise britischen Humors in oft kurzen, knappen Textzeilen vor Augen geführt. Man sieht förmlich das Blinzeln, dass Robbie charmant im Gesicht trägt, wenn er (zumindest vermeintlichen) Einblick in sein Leben gewährt. Ein Leben, das mit seiner Bewerbung bei Take That öffentlich begann, eine Bewerbung, die letztlich nur eines sagte: „Ich will berühmt werden“. Und das ist er, ohne jeden Zweifel.

 

Chronologisch beginnen Robbie und Chris Heat, der eine Vielzahl der Texte aus Interviews beisteuert, mit diesem Startschuss ins Sängerleben. Weniger übrigens textlastig ist das Buch, obwohl natürlich alles Wesentliche gesagt wird, vor allem wie ein Familienalbum wirkt es durch die Vielzahl von Fotos aus allen Lebenslagen. Eine Augenweide und eindrucksvoll mit Text versehen die Bilder wie jene vom legendären Konzert in Knebworth 2003. Was für ein Blick aus Bühnensicht auf 135.000 Besucher! Hier wird durch das Bild selbst verständlich, wie schwer es sein muss, solche Auftritte innerlich zu verkraften, ohne völlig abzuheben.

 

Bilder, die ein eigene Sprache sprechen, die Konzerte dokumentieren, den kopfunter hängenden Sänger noch einmal vor Augen führen (im Buch im Konzert in Berlin), die aus Proberäumen, aus dem privaten Umfeld stammen, die auch andere als die glamourösen Momente einfangen. Neben den Dokumentationen der Bühnen- und Videoarbeit.

 

Und zutreffende Texte, die das Bild des Sängers durchaus zu differenzieren verstehen. Die erläutern, wie sehr er sich, egal, wie es ihm innerlich geht, in eine Entertainment Maschine fast verwandelt, wenn er die Bühnen der Welt betritt. Selbst 1998 schon in Glastonbury, wo er durchaus wusste, wie peinlich er auf alle ernsthaften Musiker noch vor kurzer Zeit gewirkt hatte. Wie so oft, ein Triumph. Ein erster mit „Angels“, noch lange nicht der Letzte bis heute

 

Natürlich gibt das Buch auch Aufschluss über die verflossene Take That Zeit und erläutert, wie es zur Reunion 2010 aus Robbies Sicht kam, beginnend mit Gary Barlow und „Shame“.

 

Höhen und Tiefen einer beispiellosen Karriere, persönlicher Zerfall und rauschende Konzerte, derber Humor (die Socke!)  und professionelles Arbeiten, Swing und Rock, Clubauftritt und Massenbegeisterung, das Buch ist ein wunderbarer und bestens illustrierter Bericht über die vielfachen Facetten des Künstlers und Lausbuben, des Liedkomponisten und hedonistischen Menschen Robbie Williams. Nicht nur für Robbie Fans zu empfehlen, für jeden Musikinteressierten bietet das Buch spannende Einblicke in die Welt hinter den Kulissen eines Mega-Stars und zeigt wieder einmal auf, wie wichtig solche „andersartigen“ Personen sind, um allen aufzuzeigen, wie prall und ebenso voller Schmerz das Leben sein kann (wenn man bereit ist, den Preis zu zahlen).

 

M.Lehmann-Pape 2011