S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Robert Gernhardt – Hinter der Kurve

 

Notizen eines besonderen Reisenden

 

Dichter, Schriftsteller, Maler, Zeichner und ein „gerne Reisender“, in diesem Sinne kann man sich dem 2006 verstorbenen Robert Gernhardt zumindest erst einmal von Außen annähern. Vielfach hatte er Eindrücke und Reflektionen seiner Reisen in den „Brunnen-Heften“ veröffentlicht. Dieser nun vorliegende Band bietet eine sorgsam zusammengestellte Auswahl der vielfachen Reisebereichte Gernhardts.

 

In bester Weise verbinden sich in den einzelnen Beiträgen Erzählkunst und der geschärfte Blick für die eigentliche Atmosphäre, entzündet vielfach an Ereignissen und Begebenheiten neben den breiten Straßen. Mit einem einfachen, gar noch touristisch ausgerichteten,  Reiseführer haben diese Texte nichts gemein. Eher als Kurzgeschichten könnte man die kleineren und größeren Berichte aus 16 Ländern bezeichnen, die grundlegend um das Motto Gernhardts kreisen: „Der Weg ist das Ziel, und wenn sich keiner mehr bewegt, ist das Ziel auch weg.“

 

Estland, Österreich, Schweiz, sehr ausführlich Italien (als „Welt im Wandel“ begriffen und dem einfachen Mann intensiv zugehört („der neapolitansiche Taxifahrer erzählt), Frankreich, Spanien, Portugal, England, in großer Breite Kanada (“Das Wohnmobil aus Schauplatz“), die USA, Jamaica, Brasilien, Indonesien und Thailand (mit vielen, vielen sehr verschiedenen Eindrücken und Herangehensweisen), Südafrika (knapp und kurz) und Botswana bilden die geographischen Überbegriffe, unter denen Gernhardt mal viele, mal nur wenige, mal nur ein Erinnerung in Textform fasst.

 

Von „Reinfällen und Tricks“ ist da zu lesen, vom „Touristen als Gefangenem“, immer wieder aber auch rekurriert Gernhardt auf den Einfluss und die Sichtweise des „Massentouristen“. So, wenn er „Folklore“ als „europäisches Konzept“ mit milder Ironie in den Blick rückt, oder sich ausführlich Gedanken macht über „der Brasilianer und der Deutsche“. Ebenso, wie er sich durchaus auch mokiert über die Touristenmassen in Kanada auf seienr Fahrt durch eine vorgebliche und vermeintliche „Wildnis“.

 

Bei all dem, was Gernhardt an Kleinem und Großem, an Schönem und Kritischen mitteilt, gelingt ihm stilistisch eine ganz hervorragende Gratwanderung, denn immer schwingt das Persönliche, das ihm verbundene mit durch. Weder Besserwisserisch noch mit erhobenem Zeigefinger, weder intellektuell abstrakt oder herablassend klingen seine Niederschriften.

 

So ergibt sich ein persönlich gefärbter, interessanter und intensiver Lesefluss, der den Leser Seite für Seite überzeugend mit hinein nimmt in Begegnungen mit Waranen und Reiseführern, mit beruhigenden Flughafenangestellten, die durch die Probleme auf dem Rollfeld ad absurdum geführt werden ebenso, wie er in aller Kürze „alles was dumm und hassenswert ist“ im Rahmen eines geplanten Motorbootrennens in Livorno.

 

Insgesamt eine wunderbare und sprachlich ausgereifte Lektüre.

 

M. Lehmann-Pape 2012