Berlinverlag 2016
Berlinverlag 2016

Robert Hilburn – Johnny Cash

 

Akribisch, umfassend, flüssig zu lesen

 

Schon bei der äußeren Betrachtung des Werkes wird deutlich, dass Robert Hilburn in dieser Biographie eines der großen Musiker der zeitgenössischen Musik breit ausholt.

 

Knapp 800 Seiten misst das Werk, zuzüglich einer Diskographie, reichhaltigen Quellenangaben und einem ebenso reihhaltigen Glossar. Innerhalb derer Hilburn akribisch den Weg vom „schuldigen Kind“ (in Bezug auf die lebenslang schwierige Beziehung zum Vater) über den „Helden der ersten Stunde“ (im Rahmen des Rock ´n Roll „Zirkus“ der 50er Jahre) über eine „Institution“, dem „Fall“ und der „Wiederauferstehung“ im Spätwerk des Sängers und Songwriters sehr flüssig du intensiv nachvollzieht.

 

„The Man comes around“.

 

Jener Song aus der kongenialen Arbeit mit Rubin in den letzten Jahren und letzten Alben ist wie ein roter Faden, wie ein Lebensthema über all die Höhen und Tiefen der Karriere, die persönlichen Dämonen, Abstürze, aber auch die Liebe und das Glück des „Man in Black“, dass sein Werk nicht nur vollendet, sondern eine Überschrift über all die Jahre setzt.

 

„Beide fürchteten, dass Cashs Kraft nur noch für ein weiteres Album reichen würde, und beide suchten nach dem einen Song, der zum Höhepunkt ihres gemeinsamen Schaffens werden sollte“.

 

Eine Zeit in der Cash sich mehr und mehr auf seine Wurzeln konzentrierte, die, wie bei Elvis, im Gospel lagen. Und so lag es nahe und kam es, dass Cash „den einen modernen Gospelsong“ suchte, entfaltete und wie ein Vermächtnis gestalten wollte.

 

Ein Vermächtnis einer Karriere, die einerseits ganz eigene, erfolgreiche Wege ging, anderseits aber auch immer ein stückweit den „Schatten“ spürte. Was die Popularität anging von Elvis, was das Songwriting anging von Dylan, was das Private anging vom Vater und von diversen Drogen (die Tablettenabhängigkeit und andere „Eskapaden“ schildert Hilburn ebenso offen, wie der lange Weg zueinander mit June Carter und das Glück dieser Verbindung).

 

Es ist, letztlich, die Kunstform von Johnny Cash, mit einfachen Melodien und ebenso einfachen, aber klaren Worten, die Geschichte „seines Landes“, seines Lebens, seiner Liebe, seines Glaubens, seiner Trauer („Hurt“) und seiner kritischen Haltung nachhaltig zu setzen.


„Wenn man ihn hört, wird man immer zur Besinnung gebracht“. Besinnung an und auf die dunklen und verlorenen Seiten des menschlichen Seins. Die Cash selbst am eigenen Leib über Jahre erlebt hat, aufgrund des Schadens, den er sich selbst in jungen und mittleren Jahren zugefügt hat.

 

„Ich glaube, er war ein sehr religiöser Mensch, aber man merkte, dass er eine Menge Zeit in der Wüste verbracht hatte“.

 

So bringt es Bono auf den Punkt im Buch und das ist das Charisma dieses Mannes. Dass er den Schmerz, über den er sang, erlebt und getragen hat.

 

Wobei ein stückweit die harten Dinge, die Egoismen, die sexuellen Eskapaden, die Verletzungen, die Cash durchaus seiner Umgebung wohl zuführte, in dieser Biographie ebenso ein stückweit im Dunklen verbleiben, wie in den Autobiographien des Künstlers. Was den „Mann in Schwarz“ ein wenig auch dem real Fassbaren entrückt.

 

 

Dennoch zeichnet Hilburn Werk und Arbeit des Mannes intensiv nach und ist mit dieser monumentalen Biographie auch ein Stück allgemeiner Musikgeschichte gelungen. Denn vom „Aufbruch“ zu neuen Rhythmen und neuem Denken Anfang bis Ende der 50er Jahre über die Etablierung als „Show-Geschäft“ hin zum intensiven Ausdruck persönlichen Seins ist die Geschichte Johnny Cashs mit so gut wie allen Musikern verbunden, die der Welt seit damals ihren Stempel aufgedrückt haben. und von denen viele schon vor Cash gegangen sind.

 

M.Lehmann-Pape 2016