Martapress 2016
Martapress 2016

Robert Scheer – Pici

 

Bewegend und wichtig

 

Kaum mehr wirkliche Augen- und Erlebniszeugen des zweiten Weltkriegs, des Terrorregimes der Nationalsozialisten und des Leides des Holocaust sind noch lebendig.

 

Letzte Prozesse finden hier und da statt, Angeklagte wie Kläger befinden sich im hohen Greisenalter. Es drohen, die direkten Erinnerungen „auszusterben“ und nur mehr eine zwar literarisch und wissenschaftlich breite Landschaft zu hinterlassen, aber für die gegenwärtige und die nachkommenden Generationen ein direktes Erleben immer mehr dem Vergessen anheimfallen zu lassen.

 

Robert Scheer legt nun ein solch persönliches Erleben mit diesem Buch vor. Intensiv, ungeschminkt, emotional dicht und den Leser mitten hineinnehmend in eine „erlittenes Leben“, mitten hinein in einend er schrecklichsten Orte der Geschichte, Ausschwitz, in die „Endlösung“, in das Drangsal (hier ungarischer) Juden in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Eine Erinnerung, die wichtig ist, gerade in einer Zeit, in der in Europa und speziell in Deutschland politische Kräfte wieder erwachsen, die auf die gleichen Wurzen Zielen, wie es damals der Nationalsozialismus zu Beginn getan hat.

 

Die „völkische Bewegung“, die Idealisierung des „Deutschen“ und „Deutschtums“, das „Nordische“, das wieder als „zueinander gehörig“ anklingt, die Romantik als treibende, kulturelle Epoche mit ihrer Verklärung des Nationalen und „der Heimat“.

 

Wenn Pici von ihrer Schwester Loli, genannt Luluka, erzählt, die mit ihrer 4jährigen Tochter 1944 zunächst ins Ghetto von Baia Mare „umgesiedelt“ wurde und deren Weg kurz darauf in Auschwitz endete.

 

„Ich hatte niemanden, mit dem ich meinen Kummer hätte teilen können. Alle betrauerten ihre eigenen Familien“.

 

Zsuzsika, die kleine Tochter, verabschiedete sich dabei fröhlich von der Frau des Hausmeisters.

„Wir reisen“.

 

Aber auch auf Pici selbst wartet „das (dieses) Lager“.

 

„Im Lager wuchs kein Gras. Es gab keine Bäume. Keinen Vogel. Nicht einmal Würmer gab es im Sand“.

 

Bis das Lager gesprengt wurde. Inklusive der Krankenbaracke. Mit den Lagerinsassen noch darinnen.  Und Ravensbrück die nächste Station war.

 

Ruhig, mit Distanz einerseits, aber bis zum hohen Alter von 90 Jahren bei der Erzählung ihres Lebens in die tiefen hinein geprägt, ein Trauma, das einen ein Leben lang begleitet. Erinnerungen, die gerade wegen der ruhigen Art und Weise, in der Pici diese Jahre ihres Lebens erzählt tief nachhallt.

 

Eine Ideologie, die um sich griff, die „weltbeherrschend“ sein wollte und es in Teilen auch war und die unendliches Leid im Konkreten angerichtet und hinterlassen hat. Ein Leid, dass jene Ablehnung alles Andersartigen und Fremden, die als Kern des „völkischen Denkens“ starke Wucht in sich trägt, mit ausgelöst hat. Eine Gefahr dieses Denkens, die in der Gegenwart (wieder) unterschätzt wird und deren Kennzeichnung als „nur“ konservativ nicht den historischen Punkt trifft (oder nicht erkennen will).

 

 

Scheers Buch ist nicht das einzige seiner Art, durchaus finden sich persönliche Berichte jener Zeit auch an anderen Orten. Aber, wie all diese anderen Berichte auch, ist es ein wichtiges, nichts beschönigendes, intensives Erleben vermittelndes Werk, dass die Erinnerung wach hält. Und das ist gut so.

 

M.Lehmann-Pape 2016