Klett-Cotta 2017
Klett-Cotta 2017

Robin Lane Fox – Augustinus

 

Interessant gewählte Perspektive

 

Etwas absolut Neues zu und über Augustinus zu sagen, dürfte im Blick auf die Fülle der Literatur, auf das reiche Vermächtnis des Mannes selbst (und damit der ausgezeichneten Quellenlage) kaum möglich sein und „ganz neue Fakten“ erfährt der Leser in dieser brandneuen Betrachtung von Leben, Entwicklung und Denken des wohl einflussreichsten „Kirchenvaters“ nun auch nicht (auch wenn bis in die Gegenwart hinein immer wieder noch neues Material, verschollene Briefe und anderes von Augustin auftauchen, zuletzt 2007).

 

Zudem benötigt der Leser bei der Lektüre dieses Werkes vor allem Geduld. Nicht, dass Fox nicht immer wieder „auf den Punkt“ kommen würde, wohl aber, weil Fox so unermesslich viele Punkte beschreibt und zu setzen versteht, dass es eine ganze Weile lang dauert, bis die wesentlichen Einsichten in die Person Augustins und seine verschiedenen Lebensphasen (Augustin selbst spricht in seinen „Cinvessiones“ (der zentralen Quelle gerade dieses opulenten Werkes) eben nicht von „einer Bekehrung“, sondern von „mehreren“ bis „vielen“ (je nachdem, was der einzelne Betrachter als „Bekehrung“ definiert), die allesamt in den „Confessiones“ durch Augustins eigene Hand Eingang gefunden haben.

 

Schon hier aber setzt Fox wiederum einen Unterpunkt und beschäftigt sich in nicht geringem Umfang mit der Frage, ob Augustin „mit eigener“ Hand geschrieben hat oder diktierte. Eine Frage, zu zunächst lässlich erscheint (dafür benötigt es eben jene Geduld), die aber i Zusammenhang mit dem Ansatz des Autors bestens hineinpasst. Anhand zweier weiterer, historischer Personen (ohne engsten Bezug zu Augustinus) und vielfachen Beschreibungen den Leser mit hinein zu nehmen in den Alltag der damaligen, antiken Welt, in die Denkmuster, welche die Zeit und damit auch Augustin prägten und ebenso den Alltag Augustins selbst fassbar zu schildern.

 

Eine Genauigkeit, die sich manches Mal im Detail zu verlieren scheint und dennoch griffige Interpretationen dann urplötzlich bereithält. Dass z.B. einer, der seine eigene „Armut“ in Kindertagen zum Thema machte, genauer betrachtet ein Kind der Mittelschicht, wenn nicht gar des oberen Bürgertums war (der Besitz der Eltern ließ diese nicht als „Reich“ gelten, führte aber dennoch auch in öffentliche Ämter.

 

Wie im Übrigen die „Abfolge“ an Bekehrungen ebenfalls minutiös auf den Punkt je gebracht wird und auf diesem Hintergrund gut zu verstehen ist, warum Augustin zunächst ein „Manichäer“ wurde. Bei denen die „Obersten“ zwar zölibatär lebten, dies aber nicht von den „Schülern“ verlangten. Was eben Augustin zum damaligen Zeitpunkt schlichtweg unmöglich gewesen wäre, so sehr brannte das „Feuer der Lust“ in ihm.

 

Erotische Begierde und „Ruhmsucht“, das sind jene beiden Momente, an denen Augustin immer wieder verzweifelte (als er den Punkt seines Lebens erreicht hatte, an dem es ihm „ernst“ wurde).

 

„Damit die Seele danach streben kann, Gott zu „kennen“, muss sie von moralischer Unzulänglichkeit gereinigt werden“. Was dazu führte, dass Augustin in dieser Phase täglich um „Genesung“ betete, fast jede Nacht weinte, was auch damit zusammenhing, das er nun „seit vier Monaten nicht mehr die weiche Haut einer Frau gespürt…..hatte“.

 

Ein langsames Tempo mit vielfachten Verästelungen in die „Welt hinaus“ und von da aus wieder zurück als Erfahrung und Prägung der Person des Augustin. Der nicht nur als Dogmatiker, Kirchenlehrer oder Prediger fasziniert, sondern gerade ob seines so klar erkennbaren und so belegten Weges „ganz in der Welt mit allem lebend“ Schritt für Schritt über „Etappen“ („Bekehrungen“) ganz zu Gott gefunden zu haben.

 

So trifft es vielleicht ganz den Kern dieser Person, dass die einzige Quelle über seine frühen Jahre, die nicht Augustin selbst verfasst hat, ihn als „konvertierend“ kennzeichnet.

 

Ein „sich Wandelnder“ dessen Schritte der Entwicklung im Kontext der damaligen Zeit, geschärft am und mit dem Profil zweier anderer „Denkern“ jener Tage Robin Lane Fox detailliert, fundiert und, teilweise im wahrsten Sinne des Wortes, erschöpfend, dem Leser vor Augen führt.

 

M.Lehmann-Pape 2017