Ullstein 2011
Ullstein 2011

Roger Rosenblatt – An jedem neuen Morgen

 

Familienbande

 

„Ihr seid nicht die ersten, die so etwas durchmachen, aber ihr seid wahrscheinlich eher in der Lage, damit fertig zu werden, als die meisten anderen Leute“.

 

So beurteilt Ligaya, das Kindermädchen der Familie Solomon, die Situation, nachdem Amy Salomon 38jährig an Herzversagen von jetzt auf gleich gestorben war. Ehefrau eines Handchirurgen, Mutter dreier kleiner Kinder, Tochter von Roger Rosenblatt, Essayist und Professor für englische Literatur und kreatives Schreiben in New York.

 

Was aus diesem schmerzvollen, traurigen und dramatischen Tod folgte, legt Rosenblatt in diesem kleinen, im Stil eher nüchtern geschriebenen und dennoch hochemotionalem Buch nieder. Rosenblatt und seine Frau verlegen ihren Wohnsitz umgehend in das Haus ihrer verstorbenen Tochter und ihres Schwiegersohnes und übernehmen die Sorge und Erziehung der drei Kinder. In ganz eigener, spezieller Weise. Aus der Ich-Perspektive erzählt Rosenberg diese, seine autobiographische Geschichte und lässt den Leser unmittelbar teilhaben am Alltag der Familie, den gemeinsamen Bewältigungen der kleinen Aufgaben, dem sich wieder annähern an die Erlebniswelt kleiner Kinder. Dem gemeinsamen Frühstück vor allem, Ort der Nähe und, auch, der Erziehung, die und hier vornehmlich der Großvater, einfließen lässt (zumindest, es ständig versucht).

 

Sieht man einmal davon ab, dass Rosenblatt natürlich ein „Großvater wie gemalt“ ist (zumindest in seiner Selbstdarstellung) und durchgängig seine persönlichen „Wichtigkeiten des Lebens“ erkennen lässt (und diese den Kleinen ebenso häufig ungefragt mit auf den Weg geben will), entpuppt sich dieses Buch als eine hoch emotionale Angelegenheit, in dem gerade in den Nebenströmungen (da, wo der Ich-Erzähler nicht immer das „große Wort“ führt) wunderbare und ergreifende Einblick in das Leben, die Welt kleinerer Kinder, die großen Themen Sterben und Tod und  die existentielle Bedeutung der Familie gibt. Wie wichtig an den Schaltstellen des Lebens der Zusammenhalt ist, das trifft den Leser in den Zeilen des Buches unvermittelt und in großer Klarheit. In einer Welt, die sich mehr und mehr individualisiert (und damit nicht gerade wirklich gut zurecht kommt) setzt die Geschichte der Rosenblatts einen wichtigen Kontrapunkt.

 

Sicher fällt von Beginn an auf, dass die Familie, so dramatisch das Geschehen auch ist, immer noch über unschätzbare und nicht weit verbreitete Privilegien verfügt. Genügend finanzielle Mittel sind vorhanden. Umgehend finden sich die Großeltern bereit, ihre eigenen Pläne aufzugeben, die eigene Arbeit ein stückweit hinten an zu stellen. Mit der Folge auch, aus einem großen Haus in ein kleines Gästezimmer dauerhaft zu ziehen.

Ein umfassendes und großes Umfeld steht ebenfalls zur Hilfe bereit. So stellen „mehr als hundert Leute“ in den ersten, schweren Wochen sich zur Verfügung, die Familie beständig mit Essen zu versorgen, wie auch ansonsten die Hilfsbereitschaft groß ist.

 

In manch solchen Schilderungen gerät das Buch, trotz des nüchternen Stils, doch ein wenig zu pathetisch und erinnert an gefühlsbetonte Hollywoodfilme (mit dem „starken Helden“ des Großvaters, der schon alles auf seine Weise gut regeln wird). In vielen kleinen  Begebenheiten trifft Roger Rosenblatt aber mitten ins Herz. Da, wo es ihm gelingt, sich selber ein wenig aus der Sichtlinie zu ziehen und gerade die Kinder in ihrer Eigenheit und ihrer Situation nach dem Tod der Mutter zu Worte kommen zu lassen, da entstehen wunderbare Momente im Buch. Momente, welche die emotionale Kraft des Lebens, die Hoffnung auf ein Morgen, das Bewältigen des Alltages und das Verarbeiten auch schwerer Schläge intensiv in den Raum zu stellen vermögen.

 

Ein wunderbares und eindringliches Buch in seinen besten Momenten, dass das Leben feiert, den Tod aber nicht ausklammert und Liebe, Hoffnung, Schmerz, aber auch Zusammenhalt und die je eigenen Entwicklungen der Personen treffend zu benennen weiß. Mit Schwächen in der Eigendarstellung des Ich-Erzählers, dessen wohl allzu großes Ego das Leseerlebnis hier und da doch stört. Davon aber sollte man sich das Eigentliche des Buches nicht verderben lassen.

 

M.Lehmann-Pape 2011