S.Fischer 2014
S.Fischer 2014

Roger Willemsen – Das hohe Haus

 

Sehr genau beobachtet

 

Da muss man erst einmal drauf kommen, sich den bundesdeutschen Politikbetrieb in Berlin so intensiv und genau anzusehen über ein Jahr hinweg und dann darüber ein sachliches, trefflich beobachtetes und durchaus auch leidenschaftliches Buch darüber zu verfassen.

 

„Der öffentlich zugänglichen Demokratie auf den Zahn fühlen“, das könnte man als Thema dieses „Jahres der Beobachtung“ formulieren. Und ebenso, wie der Leser in diesem Buch zwischen Amüsement und durchaus auch Langeweile hin  und her geworfen wird, wie eine gewisse Lähmung ob dessen, was Willemsen zu berichten versteht, sich hier und da einstellt, so kann man dies als Widerspiegelung eben dieses „Politikbetriebes“  verstehen.

 

„Man beherrscht die Rage gegenüber den Linken im Schlaf“.

 

Rituale, festgelegte Rollenverteilungen, automatisierte Worthülsen, Entscheidungen, die eben nicht „im hohen Haus“ getroffen werden in offener Debatte, sondern vorher in den meisten Fällen abgesprochen und entschieden sind lassen über Strecken im Buch den Verdacht aufkommen, dass dieser Bundestag mit seinen Plenarseitzungen und seinen zigtausenden von Protokollseiten mehr einer einstudierten Theateraufführung gleicht, als dass dort tatsächlich um wichtige Entscheidungen aktuell gerungen wird, vor weniger die „Seele der Demokratie“ dort zu finden sein könnte.

 

„Kein Widerspruch, der nicht beiseite gewischt werden könnte, kein Zwist, der nicht unter Umständen Scheingefecht sein oder schlicht übergangen werden könnte“.

 

„Wie fundiert da (der Redebeitrag, das Argument) auch immer sein mag …..  natürlich erhält er dafür kaum Applaus und auch von den eigenen Leuten nur den leisest möglichen“.

 

So ergibt sich während und nach der Lektüre dieses sprachlich und stilistisch hervorragend formulierten Buches mehr und mehr der Eindruck, das in diesem „Zentrum demokratischer Entscheidungsfindung“ vieles stattfindet (auch an schlechter Rhetorik und mangelhafter Argumentation), nur eben kein wirkliches Ringen um die Sache oder tatsächlich vorher offene Entscheidungen.

 

Parteidiskussion, Fraktionszwang, Reflexe gegenüber dem, was man „politischen Gegner“ nennt, was aber kaum echte Gegnerschaft beinhaltet (man sitzt menschlich in einem Boot), Absprache im „kleinen Kreis“, die dann durch Parteigremien in die Fraktion und von dieser in vollendeter Manier dargestellt im Plenum „aufgeführt“ wird trifft die Beobachtungen Willemsen in diesem Kalenderjahr 2013 fast durchgehend.

 

Aber auch mit „Sternstunden“ in den Augen Willemsen, die pikanterweise u.a. gerade eine Rede von Edathy aus dem NSU Untersuchungsausschuss zur Ursache hat.

 

Das ist die eine Seite des Ergebnisses dieses „Tagebuches eines Parlamentes“. So sehr man dies bedauern mag (und immer wieder an frühere Zeit mit kerniger Feindschaft und teils fast gossenhafter Sprache im Parlament durch die Altvorderen  wehmütig erinnert wird), was im Buch zu wenig deutlich wird, ist, dass auf anderen Ebenen weiterhin politisch gearbeitet wird.

 

Denn all die Vorlagen, die Reden, die Haltungen und Meinungen, die kleinteilige Recherche „vor dem Auftritt im Parlament“, all dies wird ja geleistet. Nur eben nicht in der je dann stattfindenden Diskussion im Plenum, die, wie Willemsen nachvollziehbar darstellt, eben in der Gegenwart weitgehend nur dem formalen Schlagabtausch noch dient.

 

Ob „die Demokratie“ im Stillstand steht, besser sich keiner bewegt, damit der hohe Status Quo des Wohlstandes im Land nicht gefährdet wird oder ob auch hart an der Sache hinter den Türen noch gerungen wird, das lässt sich aus diesem Buch leider nicht herauslesen.

 

Vielleicht findet Willemsen nach dieser „Diagnose der Lähmung“ in nächster Zeit den Weg „hinter die Kulissen“? Das wäre vielleicht spannend dann zu lesen.

 

 

Alles in allem wohlformuliert, mit intellektueller Distanz beobachtet und dargelegt, mit unterschwellig spürbarer Erwartung an eine „Lust an der demokratischen Auseinandersetzung im Bundestag“ (die in dieser Form eher enttäuscht wird bei Willemsen) bietet das Buch einen realen Eindruck auf das Plenum des deutschen Bundestages, das insgesamt interessant zu lesen ist, wenn auch vielfache Längen und Wiederholungen nicht vermieden werden können.

 

M.Lehmann-Pape 2014