S.Fischer 2012
S.Fischer 2012

Roger Willemsen – Momentum

 

Persönliche Erinnerungen mit Intensität

 

Der Moment ist es, in dem der Mensch lebt. Davor ist vergangen, danach noch nicht geschehen. Das Leben ist eine, zeitlich begrenzte, Abfolge von Momenten. Und wem es gelingt, diese Momente zu verdichten, sie unvoreingenommen gar ganz auf sich wirken zu lassen, der kann, wie Willemsen es ausführt, durchaus „Verdichten“. Den Moment.

 

Wie gut, dass Willemsen in bester Weise „Wortgeschult“ ist und somit nicht nur einfache Beschreibungen von besonderen oder alltäglichen Momenten abliefert, sondern den Leser emotional mit hinein nehmen kann und damit fühlbar zu gestalten versteht. Auf ganz persönliche Art und Weise übrigens, denn es geht um eigenes Erleben, Intimitäten, auch Alltäglichkeiten, die Willemsen zur Darstellung seiner persönlichen „Momente“ nutzt.

 

„Du lässt mich allein. Keine Briefe kommen, Deine Anrufe sind selten vielsagend und sie enden nicht glücklich. Kaum habe ich aufgelegt, bleibt eine nächtliche Landschaft“.

 

So beschreibt Willemsen ein Zurückgeworfen sein auf sich selbst in nicht unbedingt glücklicher emotionaler Verfassung. Und wer kennt solche Momente der „nächtlichen Landschaft“ in emotionaler Aufwühlung nicht? Aber dann einzuschlafen und „Ursula Andress in einem Einbaum zu lieben“, das hat dann schon was. Vielleicht etwas tröstliches oder etwas Sehnsüchtiges, vor allem aber etwas Intensives eben.

 

Neben rein persönliche Momente (wobei Willemsen immer persönlich erzählt), treten erweiterte Erlebnisse und Momente des „Weltreisenden“. Im tibetischen Flüchtlingslager das Gähnen einer Frau. „Sie hat nun von ihrem eigenen Leiden so oft reden hören dass selbst sie es nicht mehr fesselnd findet.“ Ein intensiver Augenblick, in dem eben nicht das Leiden geteilt wird, sondern Willemsen den Blick auf das „Weiterziehen“ richtet, das ihn in diesem Augenblick mit der Frau verbindet, das aber durchaus darüber hinaus Menschen ja an sich miteinander verbindet.

 

Wobei Willemsen das alles nicht unbedingt chronologisch oder thematisch ordnet, sondern den Leser einfach teilhaben lässt an seinen assoziativen Erinnerungen, an seinen präzise und genau beschriebenen kleinen und großen Momenten, die ihn beschäftigen, die Auftauchen, die ihn bewegen. Vom Nacht-Traum bis zur kleinen Kneipe in Chile Chico nimmt der weitgereiste und weltneugierige Autor den Leser mit auf seine ganz persönliche Reise der einfachen Eindrücke und verdichteten Augenblicke, die er durchaus unprätentiös schildert und doch immer wieder poetisch-bewegend in den Raum zu setzen versteht.

 

„Es gibt jenen sentimentalen Moment, wenn man einen Menschen nach einer eher flüchtigen Berührung zurücklässt, ihn in seinen Möglichkeiten, in seinem Schönsein erlebt hat“.

 

Und das alles auf der Blaupause einer neugierigen Offenheit für alles, was an jedem möglichen Ort passieren kann. Mit den sprachlichen Möglichkeiten, genau jenes, was ihn persönlich dann innerlich bewegt hat und jenen Moment zu einem „verdichteten Augenblick“ hat werden lassen, auch mitteilen zu können. So dass der Leser für den ein oder anderen Moment mit in den Kopf Roger Willemsen, in sein Empfinden, schlüpfen kann.

 

Viele und unterschiedliche persönliche Lebensbetrachtungen bietet Roger Willemsen in geschliffener Sprache, die zum Verweilen einladen und für den Leser durchaus auch selbst eine Erlebnisreise eigener Assoziationen freisetzt. Eine durchaus vielschichtige und empfehlenswert „andere Art“ der Autobiographie, die zeigt, dass Willemsen einfach etwas zu sagen hat. Zum Leben und zur Welt.

 

M.Lehmann-Pape 2012