Piper 2013
Piper 2013

Roland Reng – Spieltage

 

Auf Rasenhöhe

 

„Fußballspielen könnt ihr sowieso nicht, also hindert wenigstens die anderen daran“.

Das waren die aufmunternden Worte, mit denen Franz Beckenbauer 1986 seine Mannschaft in das Endspiel der Fußball WM gegen Argentinien schickte.

 

Eine Zusammenfassung der Spielweise der Bundesliga zu jener Zeit Mitte der 80er Jahre. Was sich an den immer stärker werdenden Minus Rekorden der Besucher im Stadion ebenso niederschlug wie in der öffentlichen Meinung zur Qualität deutscher Fußballspieler. Was Wunder, das Becker und Graf weitaus mehr Emotionen wachriefen zu jener Zeit.

 

Außer in Nürnberg. Mit Reuter und Grahammer in einer jungen, offensiv ausgerichteten Mannschaft, die oben mitspielte und begeisterte. Bis (Parallelität der Ereignisse bis heute) Ulli Hoeneß zuschlug und beide für den FC Bayern verpflichtete, „wegkaufte“ vor allem.

 

Trainer der „Nürnberger Fohlen“ war Heinz Höher. Kantig, schweigsam. Emotionen zeigen oder junge Spieler emotional begleiten? Fehlanzeige bei einem Typen wie ihm. Aber auch einer der ganz wenigen Trainer, für den einige Zeit zuvor fast die halbe Mannschaft nach einer „Meuterei“ entlassen wurde. Der Trainer, an dem der Präsident des FC Nürnberg, Schmelzer, bedingungslos festhielt.

 

Auch wenn Beckenbauer, Matthäus, Rummenige, Müller, Maier und wie die Lichtgestalten des deutschen Fußballs auch alle hießen im Buch vorkommen, mehr als Randerwähnungen sind sie kaum. Denn Roland Reng geht einen ganz anderen Weg, seinen Beitrag zum 50. Jubiläum der Fußball Bundesliga zu gestalten. Sicher hätte er ein mehr oder weniger unterhaltsames Buch mit zig Anekdoten zu den 50 Jahren durchaus auch vollendet formuliert erstellen können, ganz hervorragend aber ist seine nun andere Herangehensweise vor allem deshalb, weil in kaum einer anderen Darstellungsform der Leser so emotional und atmosphärisch dicht „den Rasen schnuppern“ hätte können.

 

Die gesamte Entwicklung der Bundesliga, angefangen von jenem Spieler, der per du keinen Vertrag unterschreiben wollte um sich das heilige Gefühl, „nur Fußballspielen zu wollen“ nicht durch Geld kaputt machen zu lassen bis hin zum Umschlagplatz für Millionen und Millionäre in der Gegenwart. Von „W“ und „M“ Taktiken zu pseudo-modernen Trainingsmethoden, die ein Heinz Höher schon früh einfach umsetzte, ohne für diese überhaupt eine Bezeichnung zu finden. Von einfachen Stadien mit nur einigen Sitzplätzen, damit verbundenen geringen Einnahmen, von Trainingsplätzen aus kleingehäkselter Kohle im „Revier“ zu modernen Arenen.

 

Von „zwei Bier und ein Korn“ zum herunterkommen und erdverbundenen Kneipenbesuchen samt Übernachtungen in kleinen Pensionen bei Auswärtsspielen bis hin zu Luxushotels und „Zugehfrauen“ besonderer Art. Alls das verbindet Reng mit der fußballerischen Biographie (samt privater Einblicke und Darstellung der Person) des Heinz Höher, die ihm aus erster Hand von Höher selbst erzählt wurde.

So verbindet sich die gesamte Entwicklung der Bundesliga mit der Vita jenes Heinz Höher aus Leverkusen, Hauptstrasse 110.

 

Wie Deutschland hinterher hinkte aus moralischer Haltung in den Nachkriegsjahren, den Fußball nicht durch Professionalismus zu korrumpieren. Wie in Duisburg „der Boß“, Rahn, noch einmal aktiviert wurde. Wie Trainer unschön zum Gehen aufgefordert wurden oder man als Spieler einfach nicht zum Zuge kam, Aber auch, wie sich der moderne Fußball Schritt für Schritt entwickelte bis hin zum gesellschaftlich anerkannten Massenspektakel.

 

Bestens führt Reng den Leser als „Schatten“ Höhers mit auf den Rasen und bindet ihn dabei emotional an diesen schwer nahbaren Spieler und Trainer durch die 50 Jahre hindurch. Mit vielen „kleinen“ Geschichten (von „Rudi Riegel“ bis zum ausgestreckten Bein des Trainers Rehagel, um einen Nürnberger Spieler zu foulen) erzählt Reng so in „Bestform“ und „taktisch auf der Höhe“ die große Geschichte des kleinen Balles.

 

Ein treffendes, bestens erzähltes und intensives Leseerlebnis über 50 Jahre Fußball Bundesliga hinweg, in dem viele Kleinigkeiten immer „hart am Mann“ ein rundes und gelungenes Bild in Form vielfacher Nahaufnahmen bieten.

 

M.Lehmann-Pape 2013