Steidl 2016
Steidl 2016

Ronald Grätz, Hans-Joachim Neubauer (Hg.) – Ernesto Cardenal

 

Wichtiges Dokument eines zutiefst menschlichen Lebens

 

Das prägende Werk, die unvergleichliche Haltung des Priesters Cardenal in Lateinamerika den Armen gegenüber, der Dienst in Solentiname, die gelebte Botschaft der Liebe, die tatkräftig umgesetzt wurde, die auch im sozialistischen, politischen Handeln und in der Poesie Cardenals eine Fülle n Liebe, einen reichen Schatz an Vorbild hinterlassen hat, das gerät vielleicht mancherorts in Vergessenheit im Lauf der Jahre.

 

Dass da einer seine innere Haltung der „Nachfolge“ nie geändert hat und seine christlichen Überzeugungen auch über das „nicht Auffallen“ gestellt hat (Cardenal war im Zuge der Auseinandersetzungen um die „Befreiungstheologie“ vom Priesteramt suspendiert worden), das ist nun aber eines der seltenen, leuchtenden Beispiele dafür, dass Menschen zur tiefen Mitmenschlichkeit fähig sind und mit ihrer ganzen Person dafür einstehen, dass „die Verhältnisse sich zum Besseren wenden sollen“.

 

Das ist der Kern seines Vermächtnisses, auch wenn Preise und Ehrungen eher dem Schriftsteller und Dichter galten und weniger dem einfachen Priester unter den Armen seiner Gemeinde.

 

Das Denken hin zu einer „Revolution ohne Rache“, das unermüdliche Arbeiten mit dem Evangelium als „Liebes-Buch“, gerade darin hat Cardenal viele direkte, unmittelbare Spuren in den Menschen hinterlassen, die ihm anvertraut und nahe waren.

 

Das Buch spiegelt die Favetten des Mannes Cardenal aus verschiedenen Richtungen sehr treffend wieder. Vier Gespräche, geführt von vier verschiedenen Interviewern, fanden 2015 in Berlin statt.

 

Herkunft, Kindheit und Jugend; die politische Mission und die wichtigen Jahre in Solentiname, das aus all dem erwachsene, sehr reflektierte Selbstverständnis Cardenals als Christ und sein Leben als Schriftsteller sind die Themen dieser vier Gespräche, die aus der weiten Rückschau heraus dem Leser das Wesen, den Menschen, den Priester und den Dichter und Denker Cardenal überaus nahe zu bringen verstehen.

 

Ergänzt werden die Inhalte der Gespräche und die dabei spürbare Lebendigkeit Cardenals auch in im aktuellen hohen Alter noch durch passende, beeindruckende Fotografien von Susan Meisela, bildkräftige Dokumentarin der sandinistischen Revolution.

 

„Wer hinschaut, hat einen Standpunkt“. Einen Standpunkt, der in den Bildern mit der Haltung Cardenals korrespondiert und so auch auf dieser Ebene das Buch zu einem emotionalen Erlebnis macht.

 

Einem Erlebnis, das nicht nur nach hinten gerichtet ist, sondern immer auch nach vorne schaut, denn ein friedlicherer Ort ist diese Welt seit den Jahren der Revolution in Nicaragua nicht geworden. Ein „Vor-Blick“, der im Buch durch angefügte Gedichte Cardenals noch einmal wachgerufen wird, Gedichte, die hier nun erstmals auf Deutsch erscheinen.

 

Ein wichtiges Buch, ein Vermächtnis und eine Handlungsaufforderung an den Leser, mutig im Geist der Liebe aufzustehen und standhaft zu verbleiben.

 

 

M.Lehmann-Pape 2016