Knaur 2011
Knaur 2011

Sabine Kuegler - Dschungelkind

 

Verloren zwischen den Welten

 

Das ist schon eine ganz besondere Geschichte, die in den letzten Monaten, vor allem durch den erfolgreichen Kinofilm, sich der Öffentlichkeit darstellte. Eine Geschichte, die einiges an Fragen aufwirft, durchaus in die Richtung der Lebensverwirklichung von Eltern und was dies für die entsprechenden Kindern (lebenslang!) bedeuten mag.

 

Sabine Kuegler zumindest hatte dieses zweischneidige Vergnügen und versteht es, die Folgen durchaus in ihrem Buch deutlich anklingen zu lassen. Aufgewachsen beim Stamm der Fayu, da Sabines Eltern zum einen persönlichen Studien nachgehen wollten und zum anderen Missionsarbeit bei den Fayu durchzuführen gedachten. Mit ihren drei Kindern zogen die Eltern Ende der 70er Jahre dann tatsächlich nach West-Papua.

 

Natürlich bot dieses Umfeld auch Sabine Kuegler eine Art riesigen Abenteuerspielplatz und ein überaus exotisches, urtümliches Lebensumfeld. Das ist mit exotischem Interesse durchaus spannend zu lesen. Ebenso, wie die entstehenden, engen Bindungen, vor allem zu Ohri, dem gelähmte Fayu Kind, Fast erinnert Ihre Geschichte ein wenig an Tarzan. Vor allem da, wo sie nach 12 Jahren sich der „zivilisierten“ Welt zu wieder zu stellen hat. Ein Kulturschock sondergleichen, von dem sich Sabine Kuegler spürbar nicht wirklich erholt hat. Zwar gab es eine Art „Heimaturlaub“ während der Dschungeljahre, doch die Eltern verstanden es auch in den Monaten in Deutschland, während sie auf ein neues Visum warteten, die Kinder extrem von der damaligen deutschen Alltagswelt abzuschirmen. Interessant zu lesen daher ist, wie Kuegler die „Gefahren“ der Welten aufnimmt. Die realen Gefährdungen für Leib und Leben im Dschungel einerseits, die aber nie zu Panik führten und die eigentliche Sicherheit für Leib und Leben in Europa, wo Kuegler aber nach eigener Aussage das erste Mal Angst kennenlernte.

Erstaunlich auch, wie eine 17jährige so wenig über den natürlichen Gang der Dinge zwischen Mann und Frau mitbekommen hat. Einiges an Anfragen stellt sich durchaus in Richtung der Haltung der Eltern ihren Kindern gegenüber und ob nicht nur das Leben am exotischen Ort hier für deutliche innere Verwirrung angesichts eines neuen Lebensumfeldes sucht, sondern ob nicht auch ein innerlich stark gebundener und unfreier Mensch sich ohne „Mama und Papa“ für lange Zeit im Leben hilflos fühlte (und fühlt).

Es entsteht der Eindruck eines Menschen, der im Inneren zutiefst sich noch als Kind versteht und von den Eltern nie wirklich „freigelassen“ worden ist.

 

So vermischen sich im Buch die Ebenen. Ist es die Sehnsucht zurück nach einem unverfälschten Leben im Dschungel, die Sabine Kuegler ihre Eingewöhnung, ihr Leben in der westlichen  Welt so erschwert? Ist es die enge Nähe zu Ihren Eltern, von der sie sich nie gelöst hat? Erstaunlich zumindest ist, dass die Autorin trotz ihrer inneren Vorbehalte und Befremdung in ihrem „neuen“ Lebensraum in Europa scheinbar nie daran dachte, an den Ort ihrer Kindheit zurück zu kehren, trotz manch unglaublich verzweifelter Momente, die sie gegen Ende des Buches sehr intensiv erzählt.

 

Dazu passt der Eindruck, dass die inzwischen ja durchaus erwachsene Sabine Kuegler in ganz einfacher, fast kindhafter Sprache schreibt und in Bezug auf so manches an Erlebnissen und am Verhältnis zu ihren Eltern nicht sonderlich reflektiert erscheint.

 

Eine ganz andere, spannende, vor allem innerlich belastete, Lebensgeschichte legt Sabine Kuegler vor, die viele Anfragen gerade auch an die Eltern Kueglers im Raum belässt. Das Taschenbuch aus dem Knaur Verlag erweitert das Buch um einige Fotos aus dem Film und um ein Interview mit der Autorin zum Filmstart, bietet ansonsten aber den Buchtext, wie er bereits in anderer Ausgabe vorlag. Eine durchaus spannende und außergewöhnliche Lebensgeschichte, die weniger aufgrund des sprachlichen Stils, sondern aufgrund des Aufeinanderprallens der Welten gelesen werden sollte.

 

M.Lehmann-Pape 2011