Patmos 2013
Patmos 2013

Sabine Mehne – Licht ohne Schatten

 

Die Verarbeitung einer Nahtoderfahrung

 

„Verwirrung. Erkenntnis. Vertiefung. Innerer Friede“.

 

Das sind die Entwicklungsstationen, die den Zeitraum von 1996 bis 2012 im Buch umfassen. Innere Stationen, die Sabine Mehne reflektiert und sehr persönlich, erzählt. Stationen der Verarbeitung der Grenzerfahrung des Todes.

 

Durchaus bereits seit Jahrzehnten ist dieses Phänomen breit dargestellt, in  den letzten Jahren hat  Piet van Lommel dies zu seinem Schwerpunkt gestaltet und umfassende Literatur zum Thema verfasst. Doch von allen diesen Betrachtungen hebt sich dieses Buch doch ab, denn Sabine Mehne erzählt durchweg von sich, „aus erster Hand“. In einfacher, berichtender Sprache lässt sie den Leser teilhaben an dem, was passiert ist, wie das passiert ist und was das in den Jahren danach für sie selbst an innerer Kraft benötigte,

 

Wobei das Kerngeschehen im Übrigen einen durchaus hohen Wiedererkennungswert für jene Leser in sich trägt, die sich bereits mit mit anderen Schilderungen dieser Erfahrung auseinandergesetzt haben. Das „helle, warme Licht“, das Gefühl „schwerelos zu sein“.

 

Als es im Verlauf einer Krebserkrankung um Leben und Tod geht, der Körper dem Tode näher steht als dem Leben, erlebt Mehne, was allen Schilderungen über eine Nahtoderfahrung gleich ist, das „Verlassen des eigenen Körpers“. Ohne Angst oder Panik, mit Frieden in sich. Allein das ist ja schon erstaunlich (und alle, die sich mit diesem Erleben beschäftigen, weisen darauf hin), dass Nahtoderfahrungen an den verschiedensten Orten der Welt und in den verschiedensten Kulturen doch mit sehr, sehr ähnlichen Phänomenen einhergehen.

 

In diesem Buch aber geht es gar nicht in erster Linie um diese Momente zwischen Leben und Tod und die existentiellen Erlebnisse genau in diesem Moment. Viel eher nimmt Sabine Mehne den Leser mit hinein in die Bedeutung dieses Geschehens (und damit des Todes) für ihr eigenes Leben und die tiefen inneren Veränderungen, die sich im Lauf der Jahre ergaben.

 

Dass es sein kann, dass sie gesund wird, das Leben weitergeht, das aber dennoch (und ohne depressive Anwandlungen oder suizidale Tendenzen) eine große Sehnsucht bestehen bleibt. Hin zu diesem friedlichen Zustand, in dem sie mit sich ganz im Reinen war.

 

„Mein Wesen ist sichert verpackt“.

In diesem Satz fasst sie zusammen, was der Tod an Emotion mit sich brachte. Eine innere Sicherheit, die so im „wahren Leben“ nur selten zu erreichen ist. Während der Lektüre beginnt der Leser zu verstehen, warum keine Angst vor dem Tod mehr im Raume steht, das sich der Blick auf den Tod und das Verhältnis zu eigenen Sterblichkeit bei Sabine Mehne so drastisch verändert hat. Und auch zu einem vertieften, traditionelle Dogmen und Haltungen überwindenden, persönlichen Glauben gefunden hat.

 

„Ich kenne genug christliche Menschen, die beten sich die Stimme aus dem Leib aber sie fangen nicht an, ihr Leben zu ordnen“.

Diese „inner Ordnung“ ist es, welche  die Begrenztheit des Lebens fordert und was Sabine Mehne in der Todeserfahrung quasi „geschenkt“ wurde.

 

Sehr persönlich ist das Buch und das ist sicher nicht jedermanns Sache. Viel erfährt man aus dem Leben und der Biographie Sabine Mehnes, was man aber auch „am Rande der Lektüre“ wahrnehmen kann. Wichtig und emotional intensiv wird es da, wo Sabine Mehne über sich hinaus verweist und die allgemein existentiellen Fragen nach Tod und Leben, Festhalten und Loslassen, Angst und erlebter Freiheit ruhig und sicher schildert.

 

Ein gut zu lesendes Buch über eine der Grenzerfahrungen, die das menschliche Leben bereit hält und über eine Haltung zum Leben, die den Tod nicht mehr tabuisiert, nicht ausklammert, nicht mehr fürchtet, sondern als Teil des Lebens und Weg zu einem umfassenden, inneren Frieden in das eigene leben zu integrieren versteht. Als auch Kraft zur Liebe.

 

M.Lehmann-Pape 2013