C.H.Beck 2016
C.H.Beck 2016

Sahra Bakewell – Das Café der Existenzialisten

 

Biographie einer Haltung und ihrer Wirkung

 

„Aber was hatte es mit diesem „Sein“ auf sich? Das Sein der Wurzel eines Kastanienbaums hat mich nie überwältigt“.

 

Schon als Teenager spürte Sahra Bakewell eine Affinität zum Existenzialismus, eine Kraft, die von dieser „Haltung der Welt gegenüber“, die mehr war und ist als reine Philosophie oder „nur“ eine literarische Gattung, sondern durch die sich eine „Lebenshaltung“ ganz praktisch, sichtbar, fassbar im Leben der tragenden Personen entfaltete.

 

Und so wendet sie sich, Jahrzehnte später, nun mit spürbarer Wärme und sehr flüssig und leicht lesbar erzählt der Geschichte des Existenzialismus, seiner Protagonisten, der Lebenshaltung, der „Vorläufer“ und der Auswirkungen zu.

 

Das dabei das „Café“ eine herausragende Rolle spielt, hatte zunächst ganz praktische Hintergründe. Denn dort war es, im Gegensatz zu den oft billigen Absteigen, in denen jene „Existenzialisten“ wie Sartre und de Beauvoir wohnten, warm und geheizt, es gab Platz, auch mal ruhige Ecken.

 

Das daraus ebenfalls eine untrennbar zum Existenzialismus gehörende „Lebensweise“ entstand, man sich im Café traf, diskutierte, sich vorlas, die Welt weiterdachte, stritt, Engagement verabredete oder Aktionen beendete, war eher eine zufällige, dafür aber um soi nachhaltiger wirkende Folge.

 

In diese Welt nimmt Bakewell den Leser mit hinein, setzt ihn an einen Tisch mit Sartre, Raymond Aron, führt in die „Gelehrtenkammer“ von Heidegger, erläutert den inneren, tiefen Graben im zwischen dem Denken Sartres und Heideggers, erläutert die „Vorläufer“ wie die „Phänomenologie“ Husserls oder das Denken Nitzsches und ist dabei in der Lage, auch abstrakte Denkmuster einfach, schlicht und verständlich dem Leser zu erläutern.

 

So, dass jenes „Sei frei und wähle“, der Kern des Existenzialismus, Seite für Seite lebendig wirkt und wird. Und das verständlich aufgezeigt wird, welche Wucht dieses neue Denken dann auch gesellschaftlich erhielt. Schlechterdings ist eine Studentenbewegung der späten 60er Jahre, aber auch der „swingende“ Zeitgeist der frühen 60er Jahre ohne Existenzialismus kaum denkbar.

 

Sich der „Welt der Entscheidungen und Interpretationen und dessen, was aktuell geschieht“ ganz zuzuwenden, darin einen immer wieder neu freien Weg zu suchen und zu erproben, den Menschen als das eine Wesen zu begreifen, der „das ist, was er aus sich macht“ und darin jederzeit frei, aber auch voll verantwortlich für sich und seine Entscheidungen ist. Und der durch die genaue Beschreibung dessen, was er erfährt, hofft, die Existenz zu verstehen und ein authentisches Leben dann zu führen.

 

Alles Gedanken, auf denen die moderne Welt der Individualität, der Freiheit der Entscheidung, des hohen Wertes der „Selbstverwirklichung“ in der Tiefe verankert ist und beruht.

 

In welcher Beziehung dann „sozialistische“ Aktionen und Verbindungen entstanden oder eben auch gerade nicht, das schildert Bakewell ebenso, wie die persönlichen Lebensumstände vieler der Beteiligten und die einander bedingende Entwicklung und Entfaltung von Gedanken und existenzialistischen Lebensweisen (die „offene Beziehung“ und andere „Freiheiten“, die aus dem Denken in das praktische Leben hinein wirklich umgesetzt wurden).

 

Ein im Stil sehr gut zu lesendes Buch, das ebenso fundiert und kenntnisreich vor den Augen des Lesers sich entfaltet, wie es differenziert und von vielen Seiten aus immer wieder den „Kern des Existenzialismus“ umschreibt und in den einzelnen Biographien und Hinweisen auf konkrete Werke sehr genau und treffend diese „Haltung“ in ihren Ursachen und Wirkungen auf den Punkt bringt.

 

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, in der vieles an Grundlagen des modernen Lebens Revue passiert.

 

M.Lehmann-Pape 2016