Orell Füssli 2013
Orell Füssli 2013

Samantha Geimer – The Girl

 

Aus der Sicht der Betroffenen

 

2009 wurde Roman Polanski in der Schweiz für einige Zeit in Hausarrest festgesetzt.

Immer noch ging und geht es um ein lange zurückliegendes, sexuelles Vergehen des damals 43jährigen Mannes an einem damals 13jährigen Mädchen.

Ein Ereignis, dass einen Prozess in den USA nach sich zog, innerhalb dessen der schon zu jener Zeit Ende der 70er Jahre weltbekannte Regisseur seine Schuld zugab, verurteilt wurde, nach kurzer Zeit allerdings wieder auf freien Fuß kam und seitdem die USA nicht mehr betreten hat.

 

In diesem Buch erzählt nun Samantha Geimer, das „Girl“ der damaligen Zeit, die Geschichte aus ihrer Sicht. Von Anfang an, von der ersten Anfrage für eine Fotoserie für Vogue (die Beauftragung für diese konnte Polanski bis heute nicht zweifelsfrei nachweisen) über die ersten Treffen mit Polanski bis hin zu jenem Ereignis im Hause Jack Nicholsons, welches bis heute die Leben beider Personen (und deren Umfeldes) massiv mit beeinflusst hat.

 

Wobei im Verlauf der Lektüre deutlich wird, dass nicht nur die Nötigung, Vergewaltigung an sich ihre Spuren hinterlassen hat (laut Geimers eigenen Worten war das schlimm, aber hat nicht zu Traumata geführt), sondern das jahrzehntelange Nachspiel, angefangen bei dem sehr belastenden Prozess, den vielen Eigeninteressen, die dort zu Tage traten und ebenfalls die vielen Gerüchte um sie selbst und ihre Familien herum bis heute keine wirkliche Ruhe ins Leben lassen.

 

„Wer war das Raubtier? Wer war die Beute“, waren die erhitzen Fragen der Öffentlichkeit.

 

Tatsächlich, wie angekündigt, erzählt Geimer ihre Geschichte ohne Zorn, sachlich, nüchtern. Über den „absolut nicht einvernehmlichen Beischlaf“. Über Ereignisse, die in dieser Schilderung im Buch nur den einen Schluss zulassen, dass Polanski wusste, was er tat, strategisch auf die Verführung des Mädchens hinarbeitete, mit Alkohol und Drogen ein Klima des „Schwebens“ herstellte, ein „Nein“ nicht als „Nein“ gelten ließ und soweit Herr über seine Sinne war, währenddessen die Risiken einer Schwangerschaft zu vermeiden. Und das nicht im Affekt geschah, sondern geplant vorangetrieben wurde.

 

Das Ganze ist nicht einfach so passiert, auch wenn diese Aussage oft im Raume stand von allen Seiten her.

 

Ebenso aber schwingt mit, dass nicht unbedingt Pädophilie als Voraussetzung zu gelten hat, sondern die Zeit selber, die Lockerheit, das hohe Eigeneinschätzung als „Star“ immer mit im Raume stand und bei einer attraktiven, möglichen Sexualpartnerin ein „Nein“ gar nicht ernsthaft gehört wurde und das Alter völlig zweitrangig gewesen zu sein schien. Zudem Samantha alles dafür tat, ernst genommen zu werden und sich als erwachsen und erfahrener darzustellen, als sie es tatsächlich war.

 

Natürlich sind dies nur Erklärungsmodelle, die der Leser zwischen den Zeilen herauslesen kann. Eine Entschuldigung für solch ein gezieltes Vorgehen ist nicht abzuleiten.

 

Für Samantha Geimer, eine „Jane Doe“ sexuellen Missbrauchs, begann (und hält an) das eigentlich belastende Geschehen mit dem Prozess, den Aussagen, den Anfragen an ein vielleicht bewusstes Vorgehen ihrerseits oder gar ihrer Mutter, vom Ruhm Polanskis sich auf diese Weise etwas abzuschneiden bis his zum „Durchsickern“ ihres Namens und damit der Beraubung des Schutzes vor der Öffentlichkeit

 

Ein Geschehen, in dem sich weder die Familie noch Polanski noch die Journalisten noch die Strafverfolgung ohne Makel verhalten haben.

 

„Sie haben mich damals im Gericht ....... interviewt, als ich noch Bezirksanwalt war. Ich habe die Geschichte ein wenig ausgeschmückt. Also, ich rede nicht lange drum herum: Ich habe gelogen“.

Sagt einer der damaligen Vertreter der Anklage.

 

So ist auch heute noch dieses Buch interessant zu lesen. In erster Linie allerdings dann doch für jene, die sich des damaligen Skandals noch erinnern können, die an Polanski interessiert sind und für jene, welche die Entwicklung im Umgang mit  Vergewaltigungsopfern- und Tätern im Lauf der Zeit nachvollziehen möchten. Zudem sollte nicht vergessen werden, dass auch hier eine sehr subjektive Sicht dargestellt wird. Die allerdings in weiten Teilen (nicht in allen) von Polanski bestätigt wurde.

 

M.Lehmann-Pape 2013