Berlinverlag 2016
Berlinverlag 2016

Sayed Kashua - Eingeboren

 

Interessante Einblicke, leger erzählt

 

Unprätentiös wendet sich der Kashua, Palästinenser, der in Israel lebt und seine Romane in Hebräisch verfasst, in diesem Buch dem ganz normalen Alltag seines Lebens in Israel zu, inmitten all dieser jahrzehntelangen und jahrhundertealten Spannung zwischen dem jüdischen Israel und seinen arabischen Nachbarn (und Mitbürgern). So könnte man durchaus auch, folgt man einigen der Erzählungen Kashuas im Buch, vom „ganz normalen Wahnsinn“ sprechen, der den Alltag vor Ort mitgestaltet.

 

„Ich fühlte mich nicht wohl bei dem Lärm und der bedrohlichen Enge. Trotzdem musste ich Zigaretten kaufen“.

 

Eine Szene aus einem Einkaufszentrum, zu jenem Augenblick fast nur besucht von orthodoxen jüdischen Familien. Nicht einfach, da ganz alltäglich Zigaretten zu kaufen. Ein Gefühl des „Aufpassen Müssens“, des „auf den Moment immer Achtens“, den Kashua im Hintergrund in weiten Teilen der szenenhaften Erlebnisse, die er festhält, mitlaufen lässt.

 

Ein „Interview“ mit seiner Frau bringt manche der Dinge locker und ironisch formuliert auf den Punkt:

 

„Zur politischen Lage? Alles beschissen……ganz allgemein ist es schlecht, Araber zu sein“.

„Und Jude“?

„Das kommt mir auch nicht so toll vor“.

„Hättest Du einen Juden geheiratet“?

„Nein“.

 

Und Punkt. Und natürlich ist die Frau der festen Überzeugung, dass auch die gemeinsame Tochter keinen Juden heiraten soll. Nicht aus fundamentalistischen Aspekten heraus, nicht aus ideologischen Haltungen, sondern, und das ist das interessant Herauszulesende, aus einem ganz natürlich wirkenden Gefühl heraus, einer einfachen, aber tief verankerten und gesetzten inneren Haltung.

 

Es sind jeweils ins ich abgeschlossene Szenen, Kolumnen, die Kashua aneinanderreiht. Persönliche Erlebnisse, Geschichten mit seiner Familie und seinen Kindern. Die sich, auch das muss man sagen, im Lauf der Lektüre doch auch teilweise in die Länge ziehen, die oft eher durch den frischen Tonfall als durch ein tiefsinniges Fundament eher unterhaltsam wirken, als immer und durchgehend Denkanstöße zu bieten.

 

Im Gesamten aber bildet Kashua aus erster Hand und sprachlich versiert einen treffenden und prägnanten Blick auf seine Welt ab, in der selbst das Leiden an einer Verstopfung noch von hm genutzt wird, kleine Seitenblicke auf die Verhältnisse im Land zu werfen. Wenn die Eltern zu ihrer Pilgerfahrt nach Mekka aufbrechen und heiliges Wasser versprechen, um sein „Problem“ zu lösen (was hebräischer Medizin wohl eher nicht zugetraut wird).

 

Und wie gerade in dieser eher peinlichen Lage bei einer Podiumsdiskussion offene Wärme zwischen ihm und dem Publikum herzustellen.

 

„Ihre Worte haben mich beschämt, die israelische Staatsbürgerschaft zu besitzen…..“

 

 

Insgesamt lesenswert, mit legerem, ironischem Unterton locker plaudernd geschrieben, gibt Kashua einen interessanten Einblick in die Gegenwart des „gemischten“ Lebens in Israel.

 

M.Lehmann-Pape 2016