C.Bertelsmann 2013
C.Bertelsmann 2013

Sonia Mikich – Enteignet

 

Bestandsaufnahme eines „kranken“ Systems

 

Das vor noch gar nicht allzu langer Zeit, fünfzehn, zwanzig Jahre zurück, das Gesundheitssystem durchaus funktionierte in (fast) allen Bereichen, überlange Wartezeiten selten im Raum standen, Krankenhäuser auf (zumeist) hohem Standard arbeiteten und das Ganze (scheinbar) einigermaßen finanzierbar war, das ist tatsächlich Vergangenheit.

 

Im Lauf der letzten Jahrzehnte wurden drastisch Leistungen gekürzt, Honorare gesenkt, Wartezeiten auf Termine massiv verlängert (nicht nur in der Schulmedizin, auch Menschen mit psychischen Beschwerden können da aktuell ein Lied von singen), dass eine „Zweiklassengesellschaft“ im Blick auf die Gesundheit mehr und mehr sich manifestiert, dass Krankenhäuser zu Hauf am Rande der Insolvenz ihre Finanzen jonglieren und das dabei die Kosten für das Gesundheitswesen exponentiell nach oben sich schrauben, all das deutet auf tiefgreifende Verwerfungen im System selbst hin, auf eine „schwere Krankheit der Gesundmacher“.

 

Fundiert, sorgfältig recherchiert und sprachlich sehr verständlich unterzieht Sonia Mikich das Gesundheitssystem einer intensiven Untersuchung und wendet sich konkret dem „System Krankenhaus“ zu. Dabei scheut sie sich nicht, entsprechende Diagnosen zu stellen. Eine Analyse, die nicht nur ernüchternd, sondern tief beängstigend wirkt für jeden, der sich mit diesem „System Krankenhaus“, dass den Patienten aktuell letztlich „enteignet“, aus eigener Erkrankung heraus auseinander zu setzen hat. Eine sorgfältige Darstellung, die unter anderem anhand der (ehemaligen) „Leuchttürme des Gesundheitswesens“, der Universitätskliniken Schritt für Schritt am konkreten Beispiel der Klinik Gießen-Marburg nachvollzieht und offen legt, welche Schneisen die rein profitorientierten Privatisierungen in ein ehemals gesundes „Fleisch“ schneiden. Im Gesamten eben, wie aus einer ehemals zwar mit Mängeln behafteter, aber den Namen „Gesundheitssystem“ zu recht tragender Einrichtung ein „inhumanes“ System geworden ist (und das „mit System“). Und das bezieht sich, über das konkrete Objekt des Buches hinaus, eben nicht nur auf Krankenhäuser.

 

Allein schon die Einlassungen über die „Lukrativität des Sterbens“ erschrecken nicht nur den Leser, sondern rufen auch gerechte Empörung hervor. Nicht die einzige Konkretion im Buch, die solche Emotionen freisetzt.

 

Natürlich provoziert Mikich, Seite für Seite. „Man kann dieser Ärzteschaft keinen Menschen überlassen!“. Und natürlich ist es so, dass eine Vielzahl von motivierten Ärzten, die sich Zeit nehmen, eine ethische Grundhaltung ihr eigen nennen und sich tatsächlich „für den Patienten“ und „gegen die Krankheit“ wenden in diesem Buch zu kurz kommen.

 

Aber das ist verständlich, denn Mikich geht es ja nicht darum, einzelne Personen durch die Bank zu verunglimpfen (außer da, wo sie konkret „Magen-umdrehende“ Vorfälle und Übergriffe benennt), sondern um eine schonungslose Darstellung eines System, das mittlerweile aus sich heraus ganz andere Prioritäten setzt als die „Gesundheit“. Profit geleitete Prioritäten, durch eine breite und professionelle Lobby aggressiv vertreten, die durchaus erklären, warum die Kosten explodieren und die Leistungen (nicht nur subjektiv) öfter und öfter als mangelhaft wahrgenommen werden. Wo auch der einzelne Arzt über kurz oder lang „überschwemmt“ wird in den täglichen Abläufen der Krankenhäuser (und, wie gesagt, nicht nur da)

 

So beängstigend  liest sich dieses kompetente Buch, das man Mikich am Ende Recht gibt, wenn sie auf Peter Sawicki verweist, der einen „Aufstand der Patienten und Gesunden“ fordert, damit sich endlich grundlegend etwas zum Besseren wendet.

 

Eine ernüchternde, harte, treffende Abrechung mit einer Entwicklung, die eine der wichtigsten Institutionen der Gesellschaft, das Gesundheitswesen, vor die Wand fahren lässt. Und das nicht zufällig oder „aus Versehen“.

 

M.Lehmann-Pape 2013