C. Bertelsmann 2013
C. Bertelsmann 2013

Stacy Schiff – Kleopoatra. Ein Leben

 

Sachgerechte und lebendige Darstellung

 

Vorweg gesagt, auch Stacy Schiff kann an der bekannten und vorhandenen Quellenlage nichts verändern. Durchaus auch Schiff selbst ist auf Rückschlüsse und möglichst begründete Vermutungen angewiesen. Wohl aber zeigt sie von Beginn an auf, dass sie den „klassischen“ Quellen deutlich kritisch gegenüber steht. Auch antike Quellen, so weist sie nach, legen beileibe keinen umfassenden Wert auf historische Fakten und Korrektheit.

Eher scheint von Beginn an das Motto Shaw´s vorgeherrscht zu haben, dass die „Quelle“ seines „Caesar und Cleopatra“ vor allem seine eigene Fantasie gewesen ist.

 

Gründlich und kritisch also stellt Schiff zunächst die Quellenlage dar und nimmt dann aber den Leser mit auf eine sehr lebendige, intensive Reise in das Leben dieser legendären Königin, eine Generation vor Christi Geburt. Sie räumt auf mit dem verfälschten Bild einer wankelmütigen Frau, die vor allem nur eines gut konnte: Männer umgarnen.

 

Durch den Verweis auf die ganz besondere Stellung der Frau in Ägypten (schon durch das Bonmont von Herodot überspitzt auf den Punkt gebracht: „In Ägypten urinieren die Frauen im Stehen und die Männer im Sitzen“) erläutert Schiff nachvollziehbar das Umfeld einer besonderen Stellung der Frau in Ägypten, die sich ganz anders darstellte als im Rest der damals bekannten Weilt und durch die Kleopatra grundlegend geprägt wurde..

 

Im öffentlichen Recht abgesichert, durchaus als Besitzerinnen von Gütern „ihren Mann stehend“, nicht rechtlos, sondern ebenso auch mit Macht ausgestattet. Im Umfeld einer solchen Stellung der Frau wuchs Kleopatra als Kind der Herrscherfamilie auf. Eine Familie, die sich von Alexander des Großen (der „Lichtgestalt“ der Antike) vertrautem Heerführer Ptolomeius ableitete. Wohl unterrichtet in hellenistischer Lebenshaltung, Philosophie und Rhetorik, so trifft der Leser die 18jährige Kleopatra im Buch an. Ein Wissen und eine Bildung, die wohl noch viel eher als ihre (gar nicht so ausgeprägten) körperlichen Reize auch mächtige Männer beeindruckte.

 

Männer wie Caesar, der im Übrigen nicht tumb weiblichen Reizen sich „versklavte“, sondern in Abwägung zunächst eine Interessengemeinschaft in bedrängter Situation mit Kleopatra einging. Siegreich einging. In deren Verlauf das „Private“ sich zudem entfaltete bis zur Zeugung eines Sohnes mit Kleopatra.

 

Sich die Gunst Roms zu sichern, das war für eine Herrscherin in Ägypten überlebensnotwendig. So vermittelt Schiff sehr nachvollziehbar auch die Ränkespiele, das ständige Abwägen, wen man unterstützt und wie man wieder herauskommt, wenn man auf das „falsche Pferd“ gesetzt hat. Was bei Pompeius noch gelangt und bei Marc Anton und Octavian dann am Ende ihres Lebens nicht mehr funktionierte.

 

Der Alltag in Ägypten, die Verantwortung des Herrschens, die Durchsetzungsfähigkeit dieser durchaus klugen und willensstarken Frau, eine Kraft, die auch damit zusammen hing, wie oft es knapp wurde, wie oft Kleopatra mit dem Rücken zur Wand stand. Wenig stand Kleopatra den mächtigen Männer mit den langvollen Namen ihrer Zeit nach. Das ist, was Schiff hinter allen Legenden, Mythen und (schon römischen) Verunglimpfungen Schritt für Schritt herausarbeitet. Zugleich liefert Schiff ein prägnantes Bild der Zeit und der Lebensweise im alten Ägypten.

 

So entsteht eine sehr interessante und sehr flüssig zu lesende Lektüre über die „wahre Kleopatra“, die mit Elizabeth Taylor oder Shakespeare nicht viel gemein hat, die aber als Kind ihrer Zeit fast mehr noch an Drama und Persönlichkeit in sich trug, als es Theaterstücke oder Hollywoodfilme darstellen.

 

M.Lehmann-Pape 2013