Ullstein 2014
Ullstein 2014

Stefan Aust, Thomas Ammann – Digitale Diktatur

 

Unsichtbare Kräfte, die nach eigenen Gesetzen völlige Kontrolle anstreben

 

Es ist in der Regel nicht spürbar, wenn die eigenen, privaten Daten ungewollt auch bei anderen als den gemeinten Adressaten landen.

 

Emails, SMS, Fotografien, Passworte, sensible Daten des privaten Lebens wie Bankdaten oder andere Dokumente.

 

Doch in der digitalen Welt scheint erwiesenermaßen zu gelten, dass einerseits freiwillig und oft gerne über social media auch intimere Informationen der eigenen Person „geteilt werden“. Und das fast schon als „natürliches Lebensgefühl“, wie Aust und Ammann konstatieren, vor allem bei jungen Menschen.

 

Und andererseits da, wo dieser Wille nicht erkennbar ist, Daten (in Deutschland zumindest widerrechtlich) „abgegriffen“ werden. Mit dem Ziel eines allumfassenden Wissens über den Einzelnen und der daraus immer mehr möglich werdenden Kontrolle.

 

Ein „Abgreifen“ dass nicht von digital süchtigen Hackern oder offiziell kriminellen Banden täglich versucht wird, sondern das bei höchsten staatlichen Stellen und Firmen mit hoher Reputation zum Alltag gehören, zielgerichtet vorangetrieben werden. So, wie eben jeder einzelne Amerikaner wissen müsste, dass er „beobachtet“ wird.

 

Zu Wirtschaftszwecken wie bei den großen Internetkonzernen, zu Informationszwecken wie bei der Wirtschaftsspionage, zur „Sicherheit“ gegen Terroristen bei staatlichen Diensten und vieles mehr.

 

Daten ohne Ende, aus denen fähige Köpfe Analysen erstellen, Vorhersagen tätigen, vom Kaufverhalten der User bis hin zu deren „Gefahrenpotentiales“ beständig mithilfe ausgeklügelter Programme am sammeln, sortieren und einschätzen sind.

 

Das ist die Lage, die Aust und Ammann konstatieren und mit mannigfaltigen Argumenten und Beispielen unterlegen.

 

„Spätestens, seit zu Beginn des Jahres 2014 bekannt wurde, dass die NSA weltweit täglich Milliarden von Handydaten speichert und bis zu 200 Millionen SMS auffängt, ist klar, dass die Überwachung jeden einzelnen angeht“.

Durch einen sich vernetzenden, einander mit Informationen versorgenden industriell-technischen Apparat, der dem Leser bei näherem Hinsehen und tieferem Verständnis (zu dem dieses Buch dient), das Fürchten lehrt.

 

Auch wenn die Autoren differenziert die Vielfalt der „Misserfolge“ betrachten, all das, was eben trotz der immensen Datenmengen nicht vorhergesehen, nicht verhindert wurde, zum einen bleibt die Grauzone all dessen was unter Umständen aufgrund der vorliegenden Daten unterbunden wurde (und nicht bekannt wurde), vor allem aber bleibt das Wissen, das auch gerade auch private „Lebensäußerungen“ schon lange den Bereich des Privaten verlassen haben, so man sie digital nutzt.

Dazu reicht im Übrigen bereits die Nutzung einer Cloud, ein digitales Instrument, dass gegenwärtig „groß im Kommen“ ist und breitflächig von Usern benutzt wird. Aber wohl eben nicht nur von den konkreten Usern.

 

Die Konsequenzen aus der Analyse liegen für Aust und Ammann auf der Hand: Die Ausweitung der persönlichen Rechte des Einzelnen breit, fundiert und dringlich auf die „digitale Zone“.

So dass zumindest abgesichert Klagewege möglich werden und dem unbändigen Abgreifen von Informationen auf allen Ebenen eine erste „Warnung“ gegeben wird. Bis dato zumindest interessieren die persönlichen  Rechte auf professioneller „Sammelebene“ eher wenig, wie die Ereignisse um die Abhörung auch der Bundeskanzlerin zeigen.

 

 

Ein fundiertes, ruhiges und sehr informatives Buch, in welchem Aust und Ammann die Motive, Hintergründe und die Handlungen des umfassenden Sammelns digitaler Daten und deren Gefahren eindrücklich darlegen.

 

M.Lehmann-Pape 2014