Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Steffen Patzold – Ich und Karl der Große

 

Geschichte eines engen Vertrauten

 

Einhard war anders.

Von seiner Ausbildung her, von seiner Haltung her, von seiner Herkunft her, allein schon von seiner körperlichen Erscheinung her (eher klein und nicht von großer, körperlicher Kraft).

 

Einer, der trotz so mancher hinderlicher äußerer Umstände eine erstaunliche Nähe zum „Zentrum der Macht“ zum Hof Karls des Großen erhielt und in dessen Vertrauen herein genommen wurde.

Worauf Einhard sich alleine verlassen konnte, waren sein scharfer Verstand und sein hohes Verständnis politischer Abläufe.

Wovon er im Übrigen ausführlich selbst berichtet hat.

 

So bildet die in dieser Hinsicht gute Quellenlage eine Chance, einen tiefen Einblick in diese konkrete Person des 9. Jahrhunderts zu erhalten und ob seiner Nähe zu Thron und Person Karls die Herrschaft Karls in ganz anderer Form als gewohnt „von Innen her“ betrachten zu können.

 

Ein Kennenlernen im Übrigen, dass dem Leser zudem noch stark erleichtert wird durch den frischen Stil Patzolds, die durchweg verständliche, teils legere Sprache. Fast fühlt man sich tatsächlich in ein Cafe versetzt, um bei einem „Milchkaffee“ dem Höfling Einhard und seinen Erzählungen mir Aufmerksamkeit zu folgen. Erzählungen, von denen viele Eingang gefunden hatten in die „Vita Karoli magnis imperatoris“, die Einhard verfasst hatte.

 

Und nicht nur, was Karl den Großen betrifft, hat Einhard aus enger Nähe zu berichten. Auch Karls Sohn Ludwig war mit Einhard verbunden (seit 814 auf jeden Fall), suchte diesen auf in Seligenstadt zu Zeiten, als der „Familienfrieden“ schon längst nicht mehr bestand. Jenen Einhard, „ein alter Mann, klein und klug“. Einer, der nicht mehr aktiv im Zentrum der Macht sich aufhielt, aber immer noch als „elder statesmen“ Gehör fand.

 

Die Geschichte eines Mannes auch, der „ein Liebender“ war zu einer Zeit, in der  enge innere Verbindungen von Eheleuten nicht unbedingt an der Tagesordnung waren. Auch dies nimmt Patzold einfühlsam auf und unterscheidet sich in dieser Hinsicht somit nicht nur im teils fast romanhaften Stil von der Vielzahl sachlich-nüchternen und eher auf reine Fakten ausgerichteten historisch-wissenschaftlicher Lebensdarstellungen.

Nahtlos fügt sich hier zudem die Tendenz des Einhard zur „Demut“ ein. Die „Notwendigkeit der Buße“, die Einhard mit umtrieb. Er, der sich selbst „der Sünder“ nannte.

 

All dies nimmt Patzold nicht zufällig in seine Darstellung auf. Sein erklärtes Ziel ist es, menschlich über einen besonderen Menschen zu schreiben.

„Mein Einhard hatte Herzklopfen – und, wenn es sein musste, auch Durchfall“.

 

Chronologisch geht Patzold im Buch dem Leben des Einhard nach. Beschreibt den Weg „vom Maingau nach Aachen“ des klösterlich Gebildeten Nicht-Geistlichen, vollzieht sein Wirken als „Ratgeber bei Hofe“ intensiv nach, erläutert die tiefe, innere Zuwendung zu den „Heiligen“ („Marcellinus und Petrus“) und den späteren Werdegang der „Privatperson“.

 

Und bildet immer wieder, aus teils auch rudimentären Quellen rekonstruiert (und natürlich auch interpretiert ob teils dann doch auch schwacher Quellenlage) das Menschliche ab.

Bei dem Karl der Große, die Atmosphäre der Zeit, die politischen Linien immer wieder mit in den Blickpunkt rücken.

 

So, wie Einhard über Karl schreibt: „Bei Freundschaften wahrte er nämlich exakt das richte Maß, so dass er sie sowohl leicht schloss, als auch aufs Festeste wahrte, und er hielt all diejenigen hochheilig in Ehren, die sich durch diese enge Beziehung verbunden hatten“.

 

Ein flüssig und gut zu lesendes Buch, dass viel über die zentralen Personen und ihre Zeit, die Kämpfe, die Politik, das „Klima“ bei Hofe und die Haltungen Karls des Großen, Ludwigs des Frommen und Einhards selbst vor Augen führt.

 

M.Lehmann-Pape 2013