Heyne 2013
Heyne 2013

Susan Spencer-Wendel – Bevor ich gehe

 

Beeindruckendes Zeugnis für das Leben

 

Gut, dass Susan Spencer-Wendel zu dem Zeitpunkt, als ihre Diagnose in den Raum trat, vielfache Erfahrungen als Journalistin bereits gesammelt hatte.

Ihr Umgang mit der Diagnose der tödlichen Krankheit ALS, die dem Patienten ein relativ klares Bild seiner nur mehr sehr beschränkten Lebenserwartung ebenso vor Augen führt, wie den bekannten lähmenden Verlauf der Krankheit bis hin zum Atemstillstand hin wird so sprachlich sehr eindrücklich und fassbar im Buch vor Augen geführt.

 

Natürlich löste diese Diagnose einen Schock aus, natürlich standen alle diese Phasen von Verzweiflung, Anklage, Resignation im Raum. Susan Spencer-Wendel aber ist eine Besinnung der ganz besonderen Art gelungen. Und ein tiefes, im Buch deutlich spürbares Wertbewusstsein für die kostbare Zeit des Lebens. Bei aller Trauer, bei allem innerem Abschied, den sie im Buch ebenso ungeschminkt in Worte fasst.

 

Eine Zeit des Abschieds vom Leben, die allerdings in so kraftvoller, guter und schöpfender Weise von ihr gestaltet wird, dass der Leser nichts anders als einerseits Respekt vor der Person und eine eigene, tiefe Nachdenklichkeit über das „Nutzen der Zeit“ empfindet. Denn letztendlich, auch wenn für Spencer-Wendel eine nun sehr konkrete Perspektive vor Augen steht, beschränkt ist aller Menschen Lebenszeit und kostbar jeder Moment. Daran erinnert zu werden, allein das lohnt bereits die Lektüre des Buches.

 

Das Freimachen von dem, was abhält, das war der erste Schritt nach dem Entschluss, den „Rest vom Leben“ tief und gefüllt zu leben. Mit den Ihren, mit Mann und Kindern, Freunden und Familie. Der Entschluss, „Spuren“ zu setzen und lebendige Eindrücke über das eigene, vergehende Leben hinaus für die Ihren zu erhalten.

 

„Mit Freude zu leben“. Das ist, was Susan Spencer-Wendel in ihrer Krankheit, nach der Diagnose und einer Zeit der Besinnung auf sich selbst auf den Weg bringt. Und das nicht nur, um den Ihren eine „unbeschwerte“ Zeit noch zu ermöglichen (auch wenn dies ein wichtiges Moment ihrer Besinnung war), sondern natürlich auch, um für sich selbst das Schöne des Lebens, die Liebe, die Gemeinschaft, das Gemeinsame zu erleben, die Reisen, der Genuss der Vielfalt Welt noch mehr und klarer und intensiver in ihr Leben zu bringen.

 

Eine mutige Haltung, eine starke Person.

In aller Beschwernis, die Spencer-Wendel keine Sekunde verharmlost oder an den Rand schiebt.

 

„Aber ich weinte, als Marina sich in dem dunklen Theatersaal zu mir lehnte und bei einem Lied ...... mitsang“

 

„Und es kann sein, dass wir uns niemals wiedersehen in diesem Leben“ ist der Text dieses Liedes aus „Wicked“.

 

Vieles erhält eine ganz andere Bedeutung im Licht des Sterbens, das vor allem transportiert dieses emotional dichte Buch. Wenn im Gesellschaftsspiel die Frage auftaucht „Wo willst Du begraben sein“ und der Sohn, dieser „mein Sohn mit der alten Seele“ sofort sagt: „bei meinen Eltern“. Dann taucht dies tief ein in die Emotionen der Beteiligten.

 

Viele Tränen fließen bei der Autorin und daneben steht immer und immer wieder die Lust am Leben, die Freude am Erleben und die Liebe zu den Kindern und den Ihren. Ein Buch, das nicht unberührt lassen kann und den Weg für den eigentlichen Wert des Lebens unaufdringlich aufzeigt. Es jeden Tag zu leben und es gefüllt zu leben.

 

„Mir bleibt das Heute. Noch bin ich hier. Noch habe ich viel zu geben“. Auch wenn sich Susan Spencer-Wendel späterhin nicht mehr bewegen kann, noch war sie da.

 

M.Lehmann-Pape 2013