Klett-Cotta 2013
Klett-Cotta 2013

Susanne Jung – Besser Leben mit dem Tod

 

Nicht wegweichen

 

Nicht anders als den meisten Menschen stand Susanne Jung dem Tod und Sterben gegenüber. Eher wegweichend, das Thema meidend. Nicht umsonst ist der Tod in der modernen Gesellschaft westlicher Prägung mehr und mehr „an den Rand“ gerückt worden, findet kaum mehr „zu Hause“ statt und ist auch nicht mehr ein gemeinsam getragenes Ereignis des erweiterten sozialen Umfeldes. In früheren Zeiten war der Tod weitaus mehr Teil des alltäglichen und sozialen Lebens, Tote wurden im eigenen Heim aufgebahrt, die weitere Nachbarschaft war direkter beteiligt.

 

Dies hat sich verändert, vor allem auch mit Folgen für die Lebenden. Denn wenn der „Tod im Leben fremd wird“, dann entsteht im Lauf der Zeit das ein oder andere Tabu um den Tod herum, dann ist der einzelne wie auch das soziale Umfeld zunächst einmal ganz einfach auch ungeübt in seinem Umgang mit dem Geschehen des Sterbens.

 

Susanne Jungs eigenes Leben wird zunächst deutlich durch den Tod erschüttert. Der geliebte Großvater, die Stiefmutter (nach dem Tod der leiblichen Mutter, als Susanne Jung noch sehr jung war) und des Bruders lassen ihr eigentlich keine große Wahl, den Tod als einschneidende Realität des eigenen Lebens wahrzunehmen.

 

Da nutzt es auch nichts, dass sie zunächst, reflexartig, weit wegweicht, auf Reisen geht, sich ganz dem Leben den schönen Seiten, dem aktiven Erleben zuwendet. In der Rückschau erkennt sie selbst, das dies nichts anderes als eine Flucht auch vor sich selbst war und bezeichnet sich als „Die Frau, die vor dem Tod floh“.

 

„Auch ich wollte vor dem Tod fliehen, doch ich entkam ihm nicht“. Als „geschockt“ sieht sie sich selbst in dieser Zeit und ein Schock ist etwas, das „im Menschen wie ein Uhrwerk weiterläuft“. Bis das fragile Gebäude einstürzt, was bei Susanne Jung wesentlich später im Leben der Fall war. Mit ganz besonderen Folgen für ihr weiteres Leben.

 

Als sie einmal erkannte, dass ein Wegweichen nicht gesund ist, eine Flucht nur dem eigenen Leben, der eigenen Person schadet, hat sie den Tod quasi „geradewegs bei den Hörnern gefasst“ und ist Bestatterin geworden.

 

Ihr Buch nun gibt Auskunft über den Tod und was er mit dem Menschen, den Hinterbliebenen, macht. Gespeist aus der Reflektion des eigenen Erlebens und den vielfältigen Begegnungen mit Trauer und Tod aus ihrem Beruf heraus, spürt man dem Buch seine Authentizität ab. Keine abstrakten Überlegungen, keine Theorien tragen das Buch, sondern einfache und klare Geschichten und Reflektionen. Als Plädoyer für eine Notwendigkeit eines bewussten Umgangs mit dem Tod für die eigene, geistige Gesundheit.

 

Das man erkennen kann, dass der Tod auch manchmal „als Erlöser“ kommt. Das man „ungelebtes Leben“ betrauern kann und soll, das es um letzte „Liebesdienste“ hier und da geht und, immer wieder im Hintergrund, in einem der Kapitel zum zentralen Thema gemacht, dass der Körper auf den Tod eines anderen reagiert.

 

Besser also ist es, „mit dem Tod zu leben“. Zwei eindrucksvolle Kapitel schließen das Buch in diesem Sinne ab. Das man „im Leben zum Leben erwachen kann“ und das es eine wertvolle Überlegung ist, sich zu fragen, „wie ich einmal gelebt haben möchte“.

 

Ein sehr persönliches, in großen Teilen durchaus auch anrührendes Buch „aus dem Leben heraus“ dem „Tod gegenüber“ legt Susanne Jung vor, dem es allerdings hier und da an etwas objektiverer Reflektion (anhand anderer Literatur zum Thema z.B.) fehlt. Einfach und schlicht aber führt das Buch durchaus den Tod quasi in die „Mitte des Lebens“, und regt den Leser an, ebenso „nicht wegzuweichen“, wie Susanne Jung sich dem Geschehen stellt.

 

M.Lehmann-Pape 2013