Klett-Cotta 2015
Klett-Cotta 2015

Sven Felix Kellerhof – „Mein Kampf“

 

Sehr differenzierte und breite Darlegung

 

Im Vergleich zum Original sind die 320 Seiten Text, die Kellerhof seiner „Biographie eines Buches“ widmet, gar nicht sonderlich viel an Raum. Dennoch hat der Leser zu keiner Zeit das Gefühl, das wesentliche Punkte ausgelassen werden würden oder bestimmte Bereiche zu kurz kämen.

 

Und, ebenso wichtig, obwohl Kellerhof natürlich biographische Daten, Erläuterungen persönlicher Entwicklung und Hintergründe der Person Hitlers selbst natürlich nicht ausschließt, gelingt es dem Autoren dennoch, das Buch selbst als „Hauptdarsteller“ seiner Darlegungen stringent im Blick zu behalten.

 

Aus welchem Gedankengut sich Hitler bediente findet daher ebenso seinen Ausdruck im Buch, wie auch die Frage, wer es tippte (nicht Heß), warum es eigentlich geschrieben wurde (materielle Erwägungen), wer es verlegte, welche Auflagen erschienen, wie es sich verkaufte (erst mäßig, dann kaum, dann in Massen) und warum das so war, wie es rezipiert wurde im Umfeld (oft zu sehr in eigener, subjektiver Sicht verfangen wie bei Ottwald) und wie der Umgang mit dem Text nach der Machtübernahme seine Schwierigkeiten nach sich zog. Im Spanungsfeld zwischen einerseits keine inhaltliche Veränderung vornehmen, andererseits zu Zeiten eine ganz andere Politik öffentlich darstellen wollen.

 

Natürlich fasst Kellerhof ebenfalls den eigentlichen Inhalt prägnant zusammen, verweist auf entscheidende Passagen und bietet dem Leser eine detaillierte Beschreibung der Themen, der Sprache und des Stils (samt der mäßigen Beherrschung des Hochdeutschen bei Hitler und einiger paradoxer Bilder und Wendungen aus dem Text.

 

Wie Hitler sich der Steuerpflicht beständig und am Ende vollständig entzog, wie das Buch den Mann später zum Millionär machte und, vor allem, wie das Programm, das Hitler eher schwülstig im Buch darlegt im Nachgang tatsächlich das gesamte spätere Geschehen vorweg nahm und Schritt für Schritt umgesetzt wurde, das ist durchaus interessant, teils mit Faszination zu lesen und bietet vielfach auch wenig bekannte Informationen.

 

Wobei der aktuelle Stand der Diskussion (die Eigentümerrechte laufen ab) und ein Blick auf eine zukünftige Arbeit mit dem Buch und ein Plädoyer gegen einen weiteren „Verschluss“ dann einen gelungen  Abschluss der Darlegungen bieten.

 

Die Geschichte, der Inhalt und der Weg eines Buches, dass mit einer bestimmten Motivation verfasst wurde, wenig literarischen Glanz verbreitet , selbst in der reaktionären Presse der Zeit nicht einhellig positiv aufgenommen wurde und dennoch tatsächlich ein ganzes „Programm“ in sich trägt (samt der Hybris seines Autors), das besser von damals noch mächtigen und kritischen Stimmen sorgfältig gelesen und die Idee dahinter ebenso sorgfältig bekämpft hätte werden müssen.

 

Denn vom Judenhass bis zum unerbittlichen Kampf gegen den Bolschewismus, von der Erweiterung des „Lebensraumes nach Osten hin“ bis zur „völkischen Stärke“ auch mittels der Eugenetik, von der Vernichtung Frankreichs bis zum schon angedachten „Kampf gegen Amerika!“ ist hier Mitte der zwanziger Jahre bereits nachzulesen, was im Lauf der nächsten beiden Jahrzehnte die Welt vor den Abgrund führen sollte.

 

Als Konglomerat aus (sehr) freiem Umgang mit der Literatur und einem selektiven Lesen, bei dem nur galt, was Hitler selbst gefiel und in dem er sich bestätigt sah, lässt sich schon aus der Form der Abfassung selbst die inne liegende Handlungsweise der Autors ablesen. Im Nachgang sicherlich einfacher als zur damaligen Zeit vorausschauend.

 

Alles in allem eine sehr interessante, sehr fundierte Lektüre, die den Werdegang des Buches „Mein Kampf“ sorgfältig in alle denkbaren Richtungen hin abbildet.


M.Lehmann-Pape 2015