C.Bertelsmann 2011
C.Bertelsmann 2011

Sven Kuntze – Altern wie ein Gentlemam

 

Ein sehr persönlicher Blick auf das Altern

 

Eine ganz besondere Zeit ist es, nach eigener Aussage, in der Sven Kuntze sich befindet. Eine „geschenkte“ Zeit, geschenkte 15 Jahre, die Generationen vorher nicht gegeben waren.

 

Jene Zeit zwischen 60 und 75 (plus minus), die einerseits meist schon im Ruhestand verbracht werden, keine dringende „Arbeitsaufgabe“ (und damit landläufig auch Sinn) mit sich bringen, die andererseits aber noch viele Möglichkeiten offen lassen würden und nicht, wie in den Generationen vor Sven Kuntze (Jahrgang 1942), bereits dem Greisenalter zuzuzählen sind.

 

Er selbst ist diesen Schritt 2007  gegangen, vom aktiven Journalisten in den Ruhestand hinein und hat diese Erfahrungen, vor allem aber viele grundlegende Gedanken zum Altern nun in Buchform vorgelegt. Eine Zustandsbeschreibung, nach einigen, großen Themen hin geordnet, die intensiv im Tonfall und den dahinter erkennbaren Emotionen nun im Raum steht.

Durchaus ironisch bis zynisch, in Teilen bitter wirkend, aber auch mit so manchen Ratlosigkeiten daherkommend, bis hin zum (natürlich ohnmächtigen) Auflehnen gegen das, was an körperlichem Verfall noch zu erwarten ist, aber auch mit einigen inne liegenden neuen Erfahrungen, die er sicherlich nicht mehr missen möchte.

 

Wobei Kuntze durchaus nicht nur von eigener Seite nun her, sondern bereits im Vorfeld sich kompetent mit diesem Lebensabschnitt beschäftigt hatte. Im Zuge seiner Arbeit hatte er sich bereits einmal 3 Monate in ein Seniorenzentrum eingemietet. Erfahrungen, die vielfältig mit in seinen Lebensbericht, so kann man das Buch nennen, einfließen.

 

Wirken der Einstieg und die ersten 20, 30 Seiten durchaus eher zynisch geprägt, so, wie sich Kuntze nun dem „verdrießlichen Sujet“ (dem Alter) zuwendet in seinem Rundumschlag gegen Floskeln wie „Das Alter als Chance“ oder angesichts des soziologischen Problems, dass „die rüstigen Alten“ mehr und mehr in den Raum setzen, entfaltet sich das Buch im Lauf der Zeit als eine sehr grundlegende und nachdenklich stimmende Betrachtung des Lebens (aus „gealteter“ Sicht heraus), die höchst lesenswert sich wesentlichen Themen nähert.

 

Mitnehmend auch gerade da, wo sich Kuntze dem „Erbe“ seiner Generation stellt. Was an Leben wirklich tief mitgenommen wird ins Alter. Wenn er spitz formuliert, dass „Friede, Wohlergehen und das Primat der Äußerlichkeit vor dem der Persönlichkeit“ eben kaum wirkliche Spuren auf den Gesichtern hinterlassen haben (wie auch, wenn es immer nur um das eigene, kleine, äußere Wohlergehen ging), dann reichen seine Anmerkungen durchaus über das enge Thema des Buches hinaus und stellen die Lebensfrage an jedes Alter. Durchaus selbstkritisch betrachtet Kuntze hier den eigenen Lebensweg und vermag es verständlich und emotional, den Leser an dieser Kritik teilhaben zu lassen.

 

Aber auch thematisch ist das Buch durchaus gehaltvoll. Die Betrachtungen des „Müßigganges“ mitsamt der kulturgeschichtlichen Herleitung, seine deutliche Wendung gegen eine fast schon genetisch verankerte „protestantische Arbeitsethik“, die aus manchen Rentnern noch Menschen mit komplett gefülltem Terminkalender machen, weisen nicht nur für das Rentenalter, sondern letztlich für jeden erwachsenen Menschen eine durchaus bedenkenswerte Richtung zur Reflektion des „Mangels an Muße“, den das „tätige Leben“ zu bieten hat.

 

Der „schöne Schein des Alters“, den setzt Kuntze zum Einstieg in eine Entzauberung und nimmt auch im Blick auf Müßiggang, Zeit für die Zukunft, mögliche Weisheiten, Einsamkeit, die Leiblichkeit und anderen klassischen Themen des Alterns kein Blatt vor den Mund.

 

Mit Humor, teils aber auch bitterer Ironie, nie schöngeredet und immer ganz aus seiner persönlichen Erfahrungswelt heraus findet sich eine illustre Desillusionierung des Alters und Alterns, in der dann aber immer wieder die Schätze jener Zeit, die Erlebnistiefe und die Freiheit aufblitzen. Auch die Freiheit für das ein oder andere Glas Rotwein zu viel. Und mit einem Ausblick auf letzte, notwendige Gefechte für ein würdevolles Altern und Sterben, in dem es nicht um einen ständigen „Anti-Aging“ Stress oder ein medizinisch ermöglichtest, endloses Sterben gehen soll. Genügend Grund also, nicht zu glauben, „alles sei schon gesagt“, sondern weiterhin zu Reden, wie es Kuntze fast zum Schluss des Buches deutlich betont.

 

M.Lehmann-Pape 2011