Hanser 2014
Hanser 2014

Swetlana Alexijewitsch – Die letzten Zeugen

 

Aufrüttelnd

 

„Wie unser Dorf angezündet wurde. Ich erinnere mich an alles. Erst haben sie uns erschossen und dann angezündet. Ich bin aus dem Jenseits zurückgekehrt. Sie schossen nicht auf der Straße, sie gingen in die Hütten. Wir standen alle am Fenster“.

 

In der Sprache eher sachlich, nüchtern, kühl, beschreibend, in der Wirkung, sobald die eigene Fantasie die vielen, teils drastischen Erinnerungen der damaligen Kinder beginnt, auszuschmücken und zu erfassen, aufrüttelnd, so legt Alexijewitsch dieses intensive Buch an.

 

Wie auch in „Zinkjungen“ oder „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ bleibt die Autorin dabei bei ihrer eigentlichen Kompetenz. Zeitzeugen finden, Interviews führen, diese sorgfältig einander zu ordnen und die vielen, kleinen Berichte zu einem Gesamtbild anordnen.

 

„Ein kleiner Junge liegt im Bett, sein Arm hängt herunter, darüber läuft Blut. Andere Kinder weinten“.

 

Die Kinder von damals sind inzwischen alte Menschen. Aber noch nicht zu alt, um ihre Erinnerungen verloren zu haben und, vor allem, Erlebnisse werden berichtet, die sich massiv und intensiv eingeprägt haben, verankert durch die hohe Aufnahmefähigkeit des Kindesalters und eben nicht gefiltert durch eine vielleicht bereits stattgefundene Abstumpfung des erwachsenen Lebensalters.

 

Diese „Warum“ Frage, zieht sich dabei durch die vielen gesammelten Eindrücke, ein schwer zu ertragendes Unverständnis in den Kinderaugen des Krieges, woher das alles kommt, was das alles soll und warum das in solch teils elenden Erlebnissen von Sterben, Tod und Zerstörung, Hunger und Flucht endet.

 

„Hat Gott das alles gesehen? Und was hat er gedacht?“. Das ist die Richtung des Erlebens, die zentrale Frage im Buch, das „in Worte fassen“ eines unverständlichen, kaum zu ertragenen Erlebens.

 

Das Alexijewitsch bei diesen Themen „dranbleibt“, dass sie keine Ruhe gibt, dass sie nicht nur „alte Geschichten“ nacherzählt, sondern aus diesen Schlüsse für die Gegenwart steht, in ihrer Person autoritären Systemen ein Dorn im Auge ist und auch hier nicht nachgibt, das ist, nach der Lektüre auch dieses Buches, eine sehr verständliche und nachvollziehbare Haltung der Autorin.

 

So biete auch dieses Werk mehr als Erinnerungen an schreckliche Zeiten und schlimme, persönliche Erlebnisse. Jede der Erinnerungen zeigt zeitlos, das Krieg nichts als Schrecken zurücklässt, das gerade im Blick auf Kinder solche Gräuel durch nichts zu rechtfertigen sind und das aus solchen geschilderten Erfahrungen eine eindeutige Haltung für die Gegenwart gefordert ist.

 

„Wir sind die letzten Zeugen. Unsere Zeit geht zu Ende. Wir müssen erzählen“.

 

 

„Kein Fortschritt, keine Revolution kann diese Träne rechtfertigen. Kein Krieg. Sie wiegt immer schwerer“ (Dostojewksi).

 

M.Lehmann-Pape 2014