Hanser 2014
Hanser 2014

Swetlana Alexijewitsch – Zinkjungen

 

Das sowjetische Afghanistan-Trauma

 

Wie in „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, jener auch immensen Fleißarbeit, mit der Swetlana Alexijewitsch den Millionen Frauen des zweiten Weltkriegs (und deren Leiden, den Folgen für die Selle) eine Stimme verliehen hatte, wendet sie sich in diesem Buch, Anfang der 90er Jahre erschienen, den Menschen des „Sowjetischen Vietnam“ zu.

Jenem Krieg gegen und in Afghanistan, der nicht gewonnen wurde, nicht gewonnen werden konnte, der 1989 mit dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan endete. Ein Ereignis, das den Zustand der Region nachhaltig geprägt und verändert hat und im Kern bis heute für den Zustand Afghanistans wegweisend verantwortlich  ist.

 

Nicht umsonst hat jener Krieg damals die Taliban in später bekannter Form hervorgebracht, Schreckensherrschaft nach sich gezogen, Wurzeln des Terrors gelegt, die bis heute eine weitere militärische Intervention und ein in sich zerrissenes Land hervorgebracht haben.

 

Aber es ist nicht die „große Politik“, die Alexijewitsch in den Mittelpunkt ihres Interesses setzt (auch wenn diese indirekt oft mitschwingt), es sind und bleiben die einfachen Menschen, die Schicksale, das, was das Erleben des (dieses) Krieges bewirkt, ausgelöst, als Trauma in den Raum gesetzt hat,

 

Soldaten, die dort gekämpft haben kommen zu Wort, aber auch das „Umfeld“. Witwen, medizinisches Personal und Mütter von Gefallenen.

Indem sie ihrer Technik treu bleibt, diese vielfältigen und verschiedenen Menschen einfach ihre Geschichte erzählen zu lassen, Worte zu hören und in das Buch aufzunehmen, in denen die Folgen formuliert werden (mal flüssig, reflektiert, oft brüchig, kaum die passenden Begriffe für den inneren Schrecken zu finden). Ungeschminkt und nicht tastend, zurückhaltend erzählen die Menschen im Buch, schütten ihr Herz aus. Was vielleicht die größte Gabe der Autorin ist, einerseits Vertrauen in den Begegnungen aufzubauen und andererseits den Fluss der Gedanken nicht aufzuhalten.

 

„Zinkjungen“ sind übrigens jene Gefallenen, die in verschweißten Zinksärgen „nach Hause“ kamen. Um den Zustand der Leichen, die brachiale Grausamkeit dieses Krieges „der Heimat“ vorenthalten zu können.

 

„Mein bester Freund…..er war wie ein Bruder….den habe ich von einem Einsatz in einem Plastiksack zurückgebracht. Gehäutet….den Kopf abgehauen….Arme und Beine abgehackt, ein ausgeschlachtetes Tier statt eines kräftigen jungen Mannes. Ich habe meine Wahrheit im Plastiksack getragen, ich habe vor nichts mehr Angst“.

 

Einzelheiten, die in der Heimat nicht bekannt waren, ein erbitterter Kampf um jeden Zentimeter Boden, bei dem die sowjetischen Invasoren mit aller Härte bekämpft und demoralisiert wurden, bei dem körperliche Grausamkeiten oft wie in einem Exzess stattfanden.

 

Alexijewitsch ist jene Stimme Russlands gewesen, die mit diesem Buch erstmalig das ganze Grauen, die Qualen der Soldaten und die Radikalität der Kämpfe der breiten Öffentlichkeit dort bekannt machte. Ein Buch mit erkennbar öffentlicher Wirkung zur damaligen Zeit und mit immer noch augenöffnender Klarheit für alle jene, die Krieg nur an grünen Tischen bedenken und entscheiden.

 

„Ich wurde entlassen und bekam dreihundert Rubel als einmalige Unterstützung. Für leichte Verwundung gibt es einhundertfünzig, für schwere dreihundert“.

 

Und das war es dann für „Vater Staat“. Betreuung? Versorgung? Sich dem Träume von Soldaten, Ärzten, Schwestern stellen? Die Folgen für Hinterbliebene Familien, Frauen, Kinder, Mütter, Väter zumindest zu versuchen, aufzufangen?

 

Ein erschreckendes, gerade in seiner sachlichen Nüchternheit und dem offenen Raum bieten für die teils stammelnden Worte nur beeindruckendes Werk, das nichts an Aktualität verloren hat, finden solche Kriege und Grausamkeiten nun eben nur an anderen Orten statt.

 

Und da sind die zu kleinen Stiefel und die blutigen Füße bei der Vereidigung schon kaum der Rede wert. Aber ein klares Zeichen einmal wieder, wie es derer viele im Buch gibt, welchen Stellenwert (nicht nur) sowjetische Soldaten (nicht nur) in diesem Krieg besaßen.

 

Harte Kost, die sehr fundiert recherchiert zusammengestellt wurde und im Buch mutig und ungeschminkt ihre Wirksamkeit entfalten kann. Mit einem fast ebenso interessant zu lesenden Anhang über die offiziellen Widerstände, die Buch und Autorin zu bestehen hatten und die aufzeigen, das die menschliche Wahrheit hinter den Kriegen nicht erwünscht ist. Stört. Zum Schweigen gebracht werden soll, Damit die Öffentlichkeit glaubt, was geglaubt werden soll.

 

Was dank solcher Bücher zum Glück nicht unter der Decke gehalten wird.

 

M.Lehmann-Pape 2014