Theiss 2012
Theiss 2012

Sylke Kirschnick – Manege frei

 

Eine Kulturgeschichte des Zirkus

 

„Von den ehemals vielen imposanten Palästen der alten Zirkusmetropole Paris steht heute nur noch der Crque d´Hiver“. Alle anderen ehemaligen vielbesuchten Spielorte des Zirkus sind abgerissen, vergangen, aus der Zeit gefallen. Ein erkennbares  Zeichen im Blick auf die Gegenwart des Zirkus, dass dieser aus der ehemaligen „Mitte der Kultur“ doch ein deutliches stückweit mehr an den Rand sich verschoben hat.

 

Und dennoch weht die Zirkusluft weiter. Mit immer wieder neuen Impulsen von „Roncalli“ bis zum „Cirque Soleil“, von weiterhin kleinen Wanderzirkussen bis hin zum Megazelt, gefüllt mit Clowns, handfesten Akrobaten und Tiernummern. Eine Welt, die sich auf jahrhundertealte Traditionen berufen kann, die ihre einprägsame Geschichte hat. Eine Welt, wie Kirschnick es ausdrückt, in der „Zirkusse vergehen und neu entstehen“.

 

Diese Geschichte stellt Sylke Kirschnick in ihrem sehr schön gestalten Buch mithilfe breiter Texte und wunderbarem Bildmaterial vor. Allein schon das Foto Antonets, des „Weißclowns“ um 1910 herum transportiert die faszinierend Fremde mitsamt dem Ernst hinter der Maskerade, welches die besondere Atmosphäre der Manege vermittelt. In dieser „verräumlichten Beziehung zwischen Mensch und Tier, ihre forcierte Nähe und An-Ähnelungen“, wie Kirschnick den Zirkus definiert. Einer Darstellungs- und Lebensform, der die Autorin akribisch nachgeht, von alten, brüchigen Werbeplakaten bis in die moderne Welt von High-Tech Zirkussen.

 

Viele einzelne, interessante Geschichten erzählt Kirschnick auf diesem Weg. Bekannte Zirkus-Familiennamen tauchen mit ihrer Gründungsgeschichte auf, Grimaldi und Deburau, die ersten großen Bühnenclowns lernt der Leser näher kennen. Ebenso, wie die einzelnen „Attraktionen“ genaue Beschreibungen und geschichtliche Entwicklungen im Buch erhalten.

 

Auch Dramen finden ihren Platz wie die „Leipziger Löwenjagd“ von 1913 vor Augen führt, an deren Ende sechs tote du zwei wieder eingefangene Löwen stehen werden.

 

Sensationsartisten, Clowns, Zirkusbetreiber, Dressurnummern, Unfälle, Entwicklungen, Magie, Musik.

 

In ganzer Breite kann der sich der Leser durch die Texte und Illustrationen dieses Buches einfangen lassen von der ganz besonderen Atmosphäre zwischen harter Arbeit, freiem Leben, Kunst und Kultur, Untergang und Neubegründungen einer nie ganz zu fassenden und nie ganz zu klassifizierenden Kunstform, die auch heute noch Menschen weltweit in ihren Bann ziehen kann. Weniger eine wissenschaftliche Aufarbeitung liegt dabei diesem buch zu Grunde, als eine echte, gut gemachte,  Hommage an eine ganz eigene Welt.

 

M.Lehmann-Pape 2012