Goldmann 2011
Goldmann 2011

Terry Richardson – Lady Gaga

 

Ein visuelles Erlebnis

 

Gehört man nicht zur (breiten und wachsenden) Fan Gemeinde von Stefanie Germanotta alias  „Lady Gaga“ und gehört man ebenso wenig zur (breiten) Schar derer, die der Sängerin mit ihrem gestylten Auftritt und Outfit entweder im Blick auf ihre Musik oder eben der Inszenierung der Person eher ablehnend gegenüberstehen (oder versucht man zumindest mal für einen Augenblick, seine Präferenzen der Person gegenüber hinten anzustellen), dann stellt man zunächst fest, dass Terry Richardson eine fulminante „Personenbeschreibung ohne Worte“ gelungen ist.

 

Ein Bildband, der tatsächlich nur mit zwei Textabsätzen auskommt, jener Einleitung durch Lady Gaga, die dem Buch kurz vorweg gestellt ist.

 

Ansonsten aber bietet der Band  in hervorragender Qualität eine nachhaltig wirkende Form einer bildlichen Persönlichkeitsdarstellung, die tatsächlich ihresgleichen sucht.

Von der reinen Bühnenfigur, vollständig zurecht gemacht (und mit stetig wechselnden Kostümen und damit auch Persönlichkeiten versehen), über eine restlos erschöpfte Sängerin mit zerrissenen Stümpfen und derangiertem Make-up, bis hin zur Stefanie Germanotta morgens um halb fünf, schlaftrunken im Bett, die noch unglaublich jung hier wirkt.

 

Das Mädchen, der Vamp, die Künstlerin, die Inszenierung, alle Facetten bildet Terry Richardson ab, wählt oft hervorragende Perspektiven und bietet so im Gesamten der unzähligen Bilder und Aufnahmen tatsächlich einen fast „Rundumblick“ auch der Person ab. Interessanterweise nicht mit dem unbedingten Ziel, die „Person hinter der Figur“ irgendwie mit Fotografien „zu erwischen“, sondern gerade weil Richardson sich ganz auf den Moment einlässt und eine Trennung zwischen Lady Gaga und Stefanie Germanotta nicht zielstrebig herbeiführen will, tauchen die vielfachen Facetten wie nebenbei auf den Bildern auf.

 

Mal versteckt wie auf der Aufnahme auf einer Landstraße liegend, mal versonnen  in sich verknotet auf einem Stuhl sitzend wie ein Teenager, mal einfach anschmiegsam, mal in vollem „Outfit“ samt „Hofstaat“.

 

Auch der Spannungsbogen zwischen erotischer Ausstrahlung einer Diva, dem animalischem Sex mit viel nackter Haut und einer „ganz normalen“ jungen Frau ist einer der Reize, die es im Buch zu entdecken gibt. Lady Gaga arbeitet massiv mit ihrem Körper und inszeniert sich ebenso häufig wie maskiert. Und doch ist all dies Lady Gaga, die Masken, das Latex, der Sex, die Unschuld, die Erschöpfung. Eine Vielfalt, für die das letzte Bild des Buches zu stehen vermag, Kaum bekleidet mit Latex, verschmiert und satten roten Lippen taucht hier die Erschöpfung, Traurigkeit und das reinweg innerlich wie äußerlich Zerwuselte in einem Bild zugleich auf.

 

Terry Richardson legt ein hervorragendes „Personenportrait ohne Worte“ vor, dem man sich als Fan und Gegner ebenso nähern kann, wie als völlig Fernstehender. Ein Bildband, in dem die Bilder tatsächlich für sich sprechen und eine umfassende Geschichte einer Person zu erzählen vermögen.

 

M.Lehmann-Pape 2011