DVA 2017
DVA 2017

Thilo Wydra – Ingrid Bergmann

 

Frei, ungebrochen und mit Kraft

 

Die letzte Szene des Films Casablanca ist, bis heute, eine der unvergesslichen Abschiedsszenen der Filmgeschichte, wie der gesamte Film aufgrund der darstellerischen Leistungen vor allem der beiden Hauptdarsteller im besten Sinne „zeitlose Kunst“ darstellt.

 

Und nicht zufällig hatte Ingrid Bergmann eine der beiden tragenden Rollen. Eine Frau, in der sich Schönheit, Talent und schauspielerische Kraft nicht aus dem Nichts heraus entwickelt haben, sondern die starke, standhafte, durch einiges an Krisen gehende Persönlichkeit niederschlägt.

 

Und doch, wie so oft in der Kunst, wäre es beinahe zu dieser Besetzung nicht gekommen. Und, ebenso wie so oft, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nicht klar, was für ein Juwel dort entstanden war.

 

„Während der Dreharbeiten hatten wir absolut kein Vertrauen in den Film, weil das Drehbuch so schlecht war“.

 

Ein Vorgang, der in dieser Betonung ein wichtiger Schlüssel zur Person Ingrid Bergmann ist. Denn mit Humphrey Bogart zusammen hat sie letztendlich den gesamten Film getragen und erst dadurch Zitate und Szenen ikonographisch gesetzt. Darin spiegelt sich durchaus ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit.

 

Und das war bei weitem nicht der letzte oder einzige Film von Weltruf, den diese ausdrucksstarke Persönlichkeit mit vielfachem Nachruhm mitgestaltet hat.

 

Eine zu ihrer Zeit Vorreiterin. Eine selbstbestimmte, im klassischen Sinne des Wortes emanzipierte Frau, die Beziehungen auch zu starken Männern auf Augenhöhe führte, die ins schwierigen Zeiten zur „Weltbürgerin“ heranreifte, die nicht zu reduzieren ist auf Rollen, deren Stärke aber immer wieder auch in diesen zu spüren War. Nicht nur durch den „Kuss der Filmgeschichte“ mit Gary Grant, sondern auch an der Seite Hitchcocks diesen gegen die damalige „Sitten-Zensur“ durchsetzte.

 

Mit Empathie, teils leidenschaftlich, immer gut und flüssig zu lesen spürt Wydra diesem Weltstar privat und beruflich nach und versteht es, aufzuzeigen, dass die Karriere und Person von Beginn an nicht auf Rosen gebettet war.

 

Die Mutter gestorben, als Ingrid Bergmann ein Kleinkind noch war, der Vater stirbt, als sie dreizehn ist. Mit einem darauffolgenden Pendeln und einer inneren Zerrissenheit zwischen dem deutschen Teil der Familie in Hamburg und dem Rest des Jahres in Stockholm. Eine Zeit, die nicht geeignet ist, innere Sicherheit zu entfalten, ein Verweis durchaus auf die spätere Stärke der gewachsenen Person, dieses innere hin- und her nicht mehr erleben zu wollen. Und eine ebenso frühe Klarheit für den künstlerischen Weg, den sie stringent verfolgte.

 

Stationen, die Wydra lebhaft schildert, für die er vielfache Gespräche auch mit der engsten Familie Ingrid Bergmanns führte. Stationen, die für ein Leben lang den roten Faden setzten, einerseits in der Arbeit als Schauspielerin zu leben, von dieser Arbeit auch seelisch „Nahrung“ zu beziehen und, natürlich, für diese Arbeit zu leben. Eine Haltung, der nicht alles, aber doch vieles „eingeordnet“ wurde, was ansonsten bedeutsam in ihrem Leben war. Und das war auch im privaten Teil nicht wenig. Auch wenn oder gerade, weil ihre drei Ehen, Versuche auch, dauerhafte Stabilität im Leben zu erleben, jeweils scheiterten. Mitsamt den Folgen für die Beziehung zwischen ihr und ihren vier Kindern und mitsamt der Reibung zwischen dem Mutter-Sein und zugleich als Vollblutschauspielerin leben.

 

Eine mit drei Oscars gekörnte Karriere, ein schwieriger Beginn, eine lange und oft sich selbst suchende, aber immer kämpferische und nie aufsteckende Person (was auch ihre letzten Jahre im Kampf gegen die Krankheit zeigen) und eine Person, die ihre innere Füllung und Erfüllung künstlerisch gefunden und nie wieder losgelassen hat.

 

Was sich bestens im Buch liest, chronologisch aufeinander aufbaut und in den Tiefen der Person Ingrid Bergmanns von Wydra erfasst und empathisch mitgeteilt wird.

 

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, nicht nur für Filmliebhaber.

 

 

M.Lehmann-Pape 2017