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Thomas Harding – Das Sommerhaus am See

 

Wunderbar zu lesen

 

„Dies ist nun also die Geschichte eines Holzhauses an einem See in der Nähe von Berlin“ Eine Geschichte von neun Zimmern, einer kleinen Garage, einer langgestreckten Grünfläche und einem Gemüsebeet“.

 

Wer nun aber Thomas Harding kennt und sein „Hans und Rudolf“ bereits gelesen hat, der ahnt, dass es nicht um einen Ort solch einfacher, äußerer Beschreibung nur geht, nicht um das Geschick eines kleinen Flecken Landes.

 

Sondern, was den Leser bewegt, was Zeitgeschichte darstellt von den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ausgehend bis in die Gegenwart hinein (1927 wurde das Haus von einer jüdischen Familie erbaut), dass ist natürlich das Erleben und Ergehen der Nutzer jenes Hauses, der jeweiligen Besitzer und der Zeiten, innerhalb derer sie im Haus waren. Mit Freunden, mal feiernd, mal konspirativ, mal entspannend, mal angespannt quasi „Geschichte atmend“.

 

Eine Geschichte, die zum einen den ruhigen Alltag in den „verschiedenen Deutschlands“ der Jahrzehnte aufzeigt, eine Geschichte, die aber auch Dramen wie Verrat und Mord erleben wird innerhalb und drum herum der fünf Familien, die in den Zeiten Besitzer und Nutzer des Sommerhauses waren.

 

Dabei kommt Harding sein ureigenstes Talent zu Gute, aus dokumentarischen Fakten und historischen Abläufen die einzelnen, für ihn wichtigen, Ereignisse romanhaft zu erzählen, den Figuren nicht nur ein äußeres Erleben nachzuzeichnen, sondern ein inneres Erleben zu geben und dies für den Leser lebendig vor Augen erstehen zu lassen.

 

Ereignisse, die gerade zu DDR Zeiten dramatisch sich zuspitzen konnten, denn das Haus lag direkt an der Grenze, die Mauer vor dem Fenster, der See war schon verbotenes Gebiet. Und wenn ein Haus in Flammen aufging (wie beim „Munkschen Haus“, Nachbarn, und die Grenzsoldaten sich rundweg weigerten, auch nur einen Finger zu krümmen, dann ist durch die Zeilen hindurch greifbar zu spüren, wie angespannt die Verhältnisse waren. Denen das brennende Haus bis auf den letzten Bohlen zum Opfer dann fiel in den 1970er Jahren.

 

Oder, in den Jahren des dritten Reiches, die allmähliche „Entvölkerung“, die Harding spannend und mitreißend schildert.

 

„Im November 1938 befanden sich zwar noch viele Siedlerhäuser in Groß-Glienicke im Eigentum jüdischer Familien, aber nur noch sehr wenige von ihnen lebten noch dort“.

 

Neben Phasen von langsamen, stetigen Entwicklungen des Lebens in und um das Haus herum lenkt Harding präzise den Blick auch auf die „umstürzlerischen“ Zeiten, jene Momente, in denen gefühlt von heute auf morgen alles anders wurde.

 

Dabei wachsen dem Leser die einzelnen Familien und deren Mitglieder durchaus in Teilen ans Herz (allein schon durch jene ganz andere „Kurzflucht“ aus der DDR, die im Buch geschildert wird) und Seite für Seite wächst das Verständnis für die Bedeutung dieses Ortes, den dieser auch in Hardings eigener Familie besitzt. Denn es ist auch das Sommerhaus seiner Familie, seiner Großeltern.

 

 

Eine anschauliche, persönliche, gut zu lesende Lektüre, in der die Zeit „von unten gesehen“ dem Leser nahe rückt und tiefen Eindruck hinterlässt, gerade auch in all der Alltäglichkeit, die Harding ebenso schildert, wie die aufregenden Momente.

 

M.Lehmann-Pape 2016