dtv 2014
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Thomas Harding – Hanns und Rudolf

 

Überzeugende Doppelbiographie

 

Ruhig, sachlich und nüchtern, unpathetisch im Tonfall und akribisch recherchiert, so legt Thomas Harding zum einen den Lebensweg seines Großonkels (mitsamt dessen durchaus gewichtiger „Fußnote“) in der Geschichte dar und folgt zum anderen den Lebensspuren des Rudolf Höss, Lagerkommandant von Auschwitz. Einer, den man gemeinhin eine „menschliche Bestie“ im nach hinein mit Fug und Recht nennt.

 

Langsam und stetig arbeitet Harding sich in flüssigem Stil und den Leser fesselnd auf den Schnittpunkt beider Personen zu, auf jenen Moment der Geschichte, in der Hanns Alexander, Hardings Großonkel, auf Höss trifft, für dessen Verhaftung sorgt.

 

Wobei es das tiefe Wissen, die fundierte Recherche und gerade der ruhige Ton des Buches sind, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Ein Buch, das ohne stilistisch gesetzte  Spannungsbögen, ohne großartige Metaphern auskommt, sondern die Geschichte sich fast „von alleine „erzählen lässt. Und gerade deswegen eine hohe, spürbare Wirkung in den Raum setzt.

 

Jeweils  kapitelweise abwechselnd stellt Harding den Werdegang der beiden Männer dar, die in ihren Personen auch Antipoden ihrer Zeit darstellen. Der eine Jude, ins Exil gegangen (und damit der Massenvernichtung entgangen), der andere Scherge des Systems und an „vorderster Front“ eben ein Vollstrecker dieser Massenvernichtung.

 

Pole, die bereits im Werdegang der jungen Menschen angelegt scheinen.

 

Höss in seinem streng katholischen Umfeld, aufgewachsen mit einer Vielfalt an Regeln, Gehorsam, Zwang in einer gefühlsarmen, einander unnahbaren Familie in Mannheim und Baden Baden.

 

Alexander umgeben von „Wärme“, mit Freiraum zur Entwicklung ausgestattet, erlebt in seiner Familie (was er für sich fließend übernimmt) die rege Beteiligung am öffentlichen Leben, an der Gesellschaft und Kultur im Berlin jener Tage ohne drängende materielle Sorgen.

 

Ohne den psychologischen Zeigefinger zu zücken und, vor allem, ohne in diesen äußeren Umständen Entschuldigungen vor allem für Höss spätere Taten anzulegen, bietet Harding doch einen tiefen Einblick in die „Saat“ eines später perfekten „Erfüllungsgehilfen“, was diese „programmierte Kindheit“ angeht.

 

Eine Saat, die durch die kapitelweise wechselnden Perspektiven in ihrer unmenschlichen Grausamkeit gerade durch den Kontrast zur „anderen Seite“ in aller Härte und klar vor Augen geführt den Leser unmittelbar und durchgehend beeindruckt.

 

Es ist eine hohe Kunst des Autors, all dies ohne spürbare und vordergründige Bewertungen zu schildern, tatsächlich im besten Sinne ein Berichterstatter zu sein und die Fakten dieser beider Leben für sich sprechen und sich entfalten zu lassen.

 

Ein hervorragend zu lesendes Buch, in dem Harding die überaus starke Präsenz der Figuren durch seine besondere Form der sachlichen Darstellung und persönlichen Zurückhaltung bestens ins Licht zu rücken versteht. Zwei Lebenswege in einer Zeit, die von ihren Wurzeln an sich fast folgerichtig entwickeln.

 

Ein Buch, dass eine hervorzuhebende Lektüre für den schulischen Bereich werden sollte und den Leser mit hohem Gewinn an Einblick zurücklässt.

 

 

Eine sehr zu empfehlende Lektüre.

 

M.Lehmann-Pape 2014