Hanser 2015
Hanser 2015

Thomas Sandkühler – Adolf H.

 

Flüssig zu lesende und dennoch fundierte Biographie

 

Explizit für Jugendliche in Sprache und Stil verfasst, legt Thomas Sandkühler mit dieser Biographie Adolf Hitlers eine übersichtliche Lektüre vor, die sich dennoch nicht nur auf reine äußere Fakten und Abläufe beschränkt (die aber auch aus dem Leben Hitlers nicht, wie an anderem Orte zu Recht, umfassende wissenschaftliche Betrachtungen in allen denkbaren Aspekten dieses Lebens nachgeht).

 

Auf der Basis der bisherigen wissenschaftlichen Arbeit zu Hitler und der „großen“ Biographien (wie von Fest, Kershaw oder Haffner), lässt Sandkühler in sehr flüssiger Sprache die äußeren Ereignisse des „Lebens des Adolf H.) vor den Augen des Lesers vorbeiziehen und geht immer wieder auf besondere Merkmale der Lebensweise, der Persönlichkeit des Mannes (und damit seines Umfeldes) genügend ein, um diesen äußern Stationen inneres Leben zu verschaffen.

 

Wie wichtige seine Adjutanten für ihn waren, aus welchen Kreisen er sich diese wählte („Chaffeureske“), wie schnell man auch wieder „vor der Tür“ war, wie “strahlend Hitler von seinem Fotografen in Szene gesetzt wurde und wie erschöpft und, vor allem, nichtig es hinter diesem Image aussah (wie auf einigen sehr seltenen Fotografien unschwer zu erkennen), all dem geht Sandkühler zwar knapp, immer aber prägnant nach.

 

Und es ist gut, den Leser (nicht nur den jugendlichen) immer wieder daran zu erinnern, welche Persönlichkeit bei Hitler immer wieder hinter den Fassaden durchscheint.

 

Einer, der der deutschen Rechtschreibung und Grammatik kaum wirklich mächtig war. Einer, der einen Lebensstil eher als „verkannter Künstler“, geprägt aus einen Münchner und Wiener Jahren pflegte (spät ins Bett, spät aufstehen, nicht sonderlich fleißig).

 

Beschreibungen, aus denen sich ableiten lässt, dass nur für eine gewisse, überschaubare Zeit Hitler konzentriert und „fleißig“ sich Aufgaben zuwandte, ansonsten viel „schwadronierte“ (und dabei jede Menge sachlogischen Unsinn). Und der „das Besondere“ nicht nur in sich ständig sah, sondern wohl auch benötigte, um in sich „Feuer und Leidenschaft“ zu spüren, um sich lebendig zu fühlen. Und dies komplett destruktiv letztlich „auf Kosten anderer“ auslebte. Ohne Reue oder Gewissensbissen.

 

Dass Hitler nicht „der Führer“ geworden wäre, hätte sein Vater den Nachnamen nicht geändert (von „Schicklgruber“ zu „Hitler“), weil „Heil Schicklgruber“ nicht „besonders gut geklungen hätte“ ist dabei, zum Glück, die einzige wirklich unsinnige, zumindest merkwürdige (vielleicht als „jugendlicher Scherz“ gemeinte) Äußerung Sandkühlers, die außer Kopfschütteln keinen weiteren Eindruck hinterlässt.

 

Wichtiger ist da schon die ausführliche Schilderung des „Hintergrundes“ im Buch.

 

Die Hitler beeinflussenden Strömungen, an denen deutlich wird (und das kann gar nicht oft genug erwähnt werden), dass Hitler rein gar nichts originäres an sich hatte (außer seiner Hybris und seiner Bereitschaft zu jeder Schandtat am Feind und an manchen Freunden), die seine Position ausbauen oder festigen würde.

 

Gelungen ebenso ist die klare und wichtige Unterscheidung zwischen der Person und dem politischen Wirken. Sandkühler attestiert begründet, das hier keine „große Persönlichkeit“ zu finden ist, deren Leben an sich es wert wäre, erzählt zu werden. Nur als „großer Zerstörer“ in einer bestimmten, ebenfalls von Sandkühler prägnant ausgebreiteten gesellschaftlichen Atmosphäre, mit einer absoluten Hemmungslosigkeit roher Gewalt gegenüber und in völliger Egomanie konnte einem solchen „jugendlichen Versager“ ein solcher destruktiver Aufstieg gelingen.

 

Kein „Leben“ im eigentlichen Sinne war es, sondern eine umfassende Inszenierung der eigenen Person.

 

Eine gut zu lesende, interessante, Fakten und Hintergründe benennende Biographie, die auch aufgrund ihres selten sonst verwendeten Bildmaterials beeindruckt. Auch wenn natürlich dieses Leben mehrfach breit durcherzählt und von allen Seiten bereits beleuchtet worden ist, in dieser komprimierten Form bietet Sandkühler eine gute Möglichkeit, immer wieder auch neuen Generationen diese politische Wirksamkeit abschreckend vor Augen zu führen.


M.Lehmann-Pape 2015