Berlinverlag 2012
Berlinverlag 2012

Toby Lester – Die Symmetrie der Welt

 

Eine Spurensuche

 

Mittlerweile ist er weltbekannt, Da Vincis „Vitruvianischer Mensch“. Eine Zeichnung, die Toby Lester nicht nur in und um die Person da Vincis herum aufarbeitet, sondern deren Grundgedanken er in vielen historischen Linien verfolgt.

 

„Ein organisches Ganzes, abgeleitet aus einer Idealgestalt“, dies könnte durchaus eine der passenden Interpretationen der Zeichnung sein, ist aber Jahrhunderte zuvor als Idee des Augustus im seiner Vision des römischen Staates entstanden. Oder noch früher, in der griechischen Antike, lässt sich bereits die Idee des „Körpers als eine verkleinerte Version des Weltganzen“ erkunden.

 

So ergibt sich bei der Lektüre in Bezug auf die Zeichnung das Bild, das da Vinci etwas Archetypisches fast zum Ausdruck gebracht hat.

„Dieses Bild muss eine Geschichte haben, eine tiefere Bedeutung, die Figur eine lange Linie von Vorgängern“. Und so macht sich Lester auf eine Reise durch die Zeit und legt, sorgfältig recherchiert, nicht nur die Entstehungsgeschichte der Zeichnung dar, sondern führt den Leser mit hinein in den Hintergrund des Weltbildes dieses Symbols. Eine grundlegende Proportion, die immer wieder in den Grundelementen Kreis und Quadrat als Spiegel des inneren Aufbaus des Universums, der Welt verstanden wurde.

 

Bei all diesen dargelegten „Spuren“ der Idee der Zeichnung lässt Lester in guter Weise Da Vinci ebenfalls nie aus dem Blick. Auch als „idealisiertes Selbstportrait“ da Vincis legt er die Zeichnung dar und führt den Leser somit auch in Teilen des Buches mitten hinein in die komplexe Persönlichkeit des Kunstgenies und seine Biographie bis zur Entstehung dieser Zeichnung.

 

So bietet sich im Gesamten als ein Ergebnis der Betrachtung, dass da Vinci am Ende einer langen Reihe von “Proportionsbetrachtungen“ steht, in welchen die Idee des „Mikrokosmos“ vor allem fundiert im Buch dargelegt wird, wie sich in den idealen Proportionen im „Kleinen“ das „große Ganze“ des Kosmos widerspiegelt.

 

Lester ist in dieser Hinsicht ein durchaus originäres Werk gelungen, eine ähnlich breite und fundierte Betrachtung des „Vitruvianischen Menschen“ findet sich nirgends sonst. Zudem ist das Buch in weiten Teilen durchaus flüssig, in Teilen gar spannend geschrieben.

 

Kritisch anzumerken bleibt allerdings, dass allein die Fülle an Informationen und die Breite von 1500 Jahren „innerer Geschichte“ der Zeichnung immer wieder hohe Konzentration beim Leser verlangen und der Eindruck eines „zu viel“ nicht selten in den Raum tritt. An manchen Stellen komprimiert Lester historische Gedankengebäude stark und bringt zuviel an Informationen und Linien auf zu wenig Platz. In seinem Anspruch, auch noch kleinere und so gut wie jede denkbare Linie mit aufzunehmen, schießt Lester so nicht selten über das Ziel einer klaren Darstellung der „Ideengeschichte“ hinter der Zeichnung hinaus. Hier wäre weniger mehr gewesen.

 

Alles in allem eine sorgfältige recherchierte und weitgehend sehr interessante Darstellung der „Geschichte zur und hinter der Zeichnung“, die allerdings eine hohe Konzentration bei der Lektüre erfordert und hier und da in der Masse des Dargestellten auch überfordert.

 

M. Lehmann-Pape 2012