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Tom Reiss – Der schwarze General

 

Eine Biographie wie ein Roman

 

Ein ganz außerordentliches (nicht nur für seine Zeit) und „vielfaches“ Leben ist es, dass Tom Reiss in dieser Biographie nachvollzieht und für die er zu Recht in Stil und Inhalt den Pulitzerpreis dieses Jahres erhalten hat.

 

Das ein Schwarzer aus „Übersee“ eine tragende Rolle in der napoleonischen Armee einnahm ist dabei nur eine der vielen Facetten, die das Leben des Alex Dumas ausmachte. Als Vater des weltbekannten Schriftstellers Alexandre Dumas kommt insofern eine weitere, nicht unwesentliche Facette hinzu, als dass Alexandre Dumas in vielfacher Form „Stoff aus dem Leben“ des Vaters entnommen und literarisch mitverarbeitet hat.

 

Nicht unbedingt immer eigener Erfahrung, der Vater starb, als Alexandre Dumas noch keine vier Jahre alt war, wohl aber aus vielfachen Erzählungen um diesen Vater herum. Sei es in en „Drei Musketieren“, sei es beim „Grafen von Monte Christo“, einzelne Begebenheiten, vor allem aber die „Atmosphäre“ der Zeit und des Lebens seines Vaters standen immer wieder mit Pate. Jene Motive des „Fallen gelassen Werdens“ und auch der „Gefangenschaft“ finden sich im „wahren Leben“ des Vaters durchaus wieder.

Intensiv im Übrigen hat sich der Vater und dessen Leben zudem eingebrannt:

„Ich war vier Jahre alt; aber was ich erlebt habe, war für mich so wichtig, dass ich nichts davon vergessen habe“.

 

So passt es, dass Alexandre Dumas in seinen eigenen „Lebenserinnerungen“ die erste gut 200 Seiten mit vielem füllt, was das abenteuerliche Leben seines Vaters ausgemacht hat.

 

Das hat durchaus auch Bedeutung für die Lektüre dieser Biographie, denn aufgrund der weiten Verbreitung jener „atmosphärischen Geschichten aus Frankreich“ fällt es dem Leser leicht, sich der Lebenswelt des „echten“ Alex Dumas zu nähern. Wobei der Stil des Buches, das sich wie ein Roman von vorne bis hinten liest, hier seinen Teil für eine anregende und informative Lektüre natürlich ebenso beisteuert. Wobei Reiss sehr sorgfältig im Vorfeld recherchiert hat und Zugang zu alten Unterlagen („die zum Großteil seit 200 Jahren nicht mehr das Licht des Tages gesehen hatten“) gefunden hat, die einen wichtigen Grundstock für seine gelungene „Rekonstruktion dieses vergessenen Lebens“ bildeten.

 

Ein hin- und herwogendes Leben. In der Karibik geboren als Sohn eines franzosischen Adeligen (Alexandre Davy de la Pailleterie) und einer schwarzen Sklavin, späterhin dann durchaus privilegiert in Frankreich aufgewachsen, hoch talentiert, aber, und das vor allem, charakterstark, so stellt sich der erste Teil des Lebens des jungen schwarzen Mannes dar.

Im Streit trennt er sich vom Vater und nennt sich seitdem nach dem Namen seiner Mutter „Dumas“.

 

Ein zunächst einfacher Soldat und später „schwarzer General in Napoleons Armee“, warum eigentlich ist das bis heute so unbekannt?

Auch wenn Alex Dumas nicht der einzige Farbige jener Zeit in der Armee war, so hat er dich hohen Rang erreicht. Warum hat dieses ganz besondere Ereignis nicht strahlend die Zeiten überdauert? Auch dazu bietet Reiss Antworten und legt empathisch und den Leser emotional erreichend auch das ärmliche, von der Öffentlichkeit vergessene und daher nicht beachtete Ende des Mannes vor Augen. Ein Vergessen, das nicht unbedingt zufällig geschah, das auch seine Gründe, auch in der Hautfarbe, hatte.

 

Ein Buch, gerade in den ersten Lebensjahren des Alex Dumas, auch über die Sklaverei, über die Selbstverständlichkeit der Betrachtung von Menschen (auch der eigenen Geliebten und Mutter der eigenen Kinder sowie dieser Kinder selbst) als „Besitz und Ware“.

 

Vor allem aber die Geschichte einer starken Person in Zeiten, als „die Welt sich veränderte“ und eine eigener, wechselhafter, an die Zeit gebundener und dennoch persönlichkeitsstarker Weg gegangen wurde.

 

Eine wunderbare Biographie, ein beeindruckendes Leben, ein empfehlenswertes Buch.

 

M.Lehmann-Pape 2013