Suhrkamp 2014
Suhrkamp 2014

Tuvia Tenenbom – Allein unter Juden

 

Bissig und ernüchternd

 

Ein „trockener Intellektueller“, so bezeichnet sich Tenenbom gerne selbst. Und doch benötigt es einiges an Selbstbeherrschung, um bei all dem, was ihm im „heiligen Land“ begegnet, nicht doch in die alte „Sucht“ zurückzufallen.

 

„Was Toby auftischt gehört in die Kategorie „gesund, natürlich und fade“. Normalerweise ist das für mich ein Zeichen, dass meine Gastgeberin eine Intellektuelle ist“. Was sich im Gespräch dann nicht wirklich so darstellt. Aber auch bei vielen anderen nicht, auf die Tenenbom an allen Ecken und Enden im Land trifft.

 

Wobei bei all dem tumben (viel), undifferenziertem (noch mehr), einsichtigem (kaum) und schlichtweg unsinnigem, was ihm vor Ort alles an Haltungen begegnet, es für den Leser sehr verständlich wird, dass Tennenbom vieles gerne mit Fakten zurechtrücken würde. Zu haarsträubend ist vieles, was ihm da in Israel (und darüber hinaus) begegnet.

 

Jene palästinensische Universität, aus EU Mitteln erbaut, die vor allem eine Gruppe gar nicht interessiert, die Palästinenser.

Jene „Filmschaffenden“ mit ihren unverständlichen Ergüssen („The Garden“ lässt Tenenbom schier gar nicht mehr los in seiner rassistischen Einfalt), mit deutscher Finanzierung versehen.

 

Die jungen Freiwillige (auch aus Deutschland), die es aber gar nicht gut finden, dass bewaffnete israelische Polzisten die Steine werfende Menge vor sich selbst schützen („Was auch immer mit den Juden hätte geschehen können, sie sollten die Steine akzeptieren!“).

 

Jene hohen Vertreter der palästinensischen Politik mir ihrem Ausbund an behaupteter „Toleranz“, die einfach ignorieren, wie Tenenbom scharf angegangen wurde (als jüdischer Atheist, wohlgemerkt) wegen öffentlichem Rauchens und dem Trinken von Wasser am Ramadan („So reden wir in Ramalla nicht!“, ist die feste und falsche Behauptung).

 

Aber nicht nur dort, sondern auch bei orthodoxen Juden, weltlichen Israelis, Christen im Heiligen Land, Arabern, überall wird in einer Weise behauptet, zurecht geredet, die Augen verschlossen, dass es einem, bei aller Ironie und teils brüllendem Witz an Dummheit, doch ganz anders werden kann bei der Lektüre des Buches, führt man sich vor Augen, welches Arsenal an Waffen und Völkergemisch sich dort gewaltbereit versammelt.


Dass es Arabern bei Todesstrafe verboten ist, Häuser und Land an Juden zu verkaufen ist da nur eine Randnotiz, die sowieso den edlen Makler im arabischen Viertel nicht daran hindert, munter den Verkauf zwischen Arabern und Juden zu vermitteln. Bisschen lästig vielleicht, die vielen Bodyguards, aber was tut man nicht alles zur Völkerverständigung.

 

Was im Übrigen den christlichen Konfessionen nicht nur im Blick auf die Nutzung der Grabeskirche auch mal gut zu Gesichte stehen würde. Diese wird von einem Moslem verwaltet, weil die Disharmonie zwischen den friedliebenden Christen öfter schon in Schlägereien gemündet ist.

 

Surreal oft ist, was Tenenbom beobachtet und zu berichten weiß, neben dem ganz normalen Alltag der meisten Menschen im Land, natürlich. So surreal, dass das „normale“ Leben eher auf dem Friedhof der Stadt, bei den dort Lebenden) anzutreffen ist denn bei jenen, die das Heft eigentlich in der Hand haben sollten.

 

Assoziativ, dicht gedrängt,  bissig, zynisch, hintergründig zumindest leicht verzweifelt, so bietet Tenenbom seine vielfachen Eindrücke aus dem „Heiligen Land“ temporeich, unterhaltsam, witzig und vor allem erschreckend dem Leser dar.

 

In einigen Teilen des Buches vielleicht zu sehr auf den Effekt der Dummheit aus, in einigen Teilen zu überheblich und manchmal auch zu dicht gedrängt in der Vielzahl der Eindrücke, die teilweise gar nicht sinken können, im Gesamten aber ein Kaleidoskop des Unsinns von Vorurteilen und der Folgen dessen, wenn man nicht bereit ist, sich auch nur ein stückweit mit den aktuellen oder historischen Fakten zu beschäftigen, sondern nur in seiner Meinung lebt und bleibt.

 

„War immer so“.

 

 

Eine empfehlenswerte Lektüre

 

M.Lehmann-Pape 2014