J.B.Metzler 2015
J.B.Metzler 2015

Udo Bermbach – Houston Stewart Chamberlain

 

Sehr fundierte und akribische Darlegung von Person und Gedankengebäude

 

 

So mancher mag sich das im Lauf der Jahrzehnte bereits gefragt haben, wie es den Gedanken, politischen Parolen und den tatsächlich eher gewaltsam, völkisch und fast primitiv auftretenden Nationalsozialisten um Hitler herum gelungen sein mag, nicht nur das (zumindest damals leicht entzündbare „einfache Volk“) auf seine Seite zu ziehen, sondern nicht zuletzt weite Teile des Bürgertums und der Wirtschaft für das rassische, antisemitische und faktisch faschistische Gedankengut einzunehmen.

 

Eine wesentliche Rolle spielte dabei die „Atmosphäre der Zeit“, der sich stark vertiefende „völkische“ Gedanke seit Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, die gerad um den ersten Weltkrieg herum und in dessen Anschluss Bewegung der „Vorherrschaft des Deutschen“ in kultureller und militärischer Hinsicht, die durch die Niederlage im Krieg zwar einen harten, faktischen Dämpfer erlitten hatte, aber in der Interpretation durch manche Kreise („Dolchstoßlegende) innerlich eher noch gestärkt wurde.

 

Eine der wichtigsten Stimmen dieser „ideologischen“ Vorbereitung es dritten Reiches, einer Art corporate identity des völkischen, rassischen du antisemitischen Denkens war und ist die Person Houston Stewart Chamberlain.

 

Gebürtiger Brite, aufgewachsen in Frankreich und, nach einer weiteren Station in Österreich dann in Deutschland ansässig.

 

Umfassend sprachkundig, und, vor allem, „kulturkundig“, der sich von klein auf für Natur und Biologie interessierte und dieses auch studierte.

 

Schwiegersohn Richard Wagners (nach dessen Tod, dennoch hier schon familiär in der germanischen Mythologie und dem Gedanken der eigenen und des eigenen Volkes Überhöhung mit verhaftet und, wie es der Klappentext des Buches zu Recht sagt, einer der „wirkungsmächtigsten Publizisten“ des Kaiserreiches (Chamberlain starb 1927).

 

Und damit eben einer, „der“, der in bürgerlichen und intellektuellen Kreisen den gedanklichen Boden für all diese Strömungen vorbereitete, den die Nationalsozialisten später im Kern (verkürzt um die vielfachen anderen Interessen und Publikationen Chamberlains) aufnahmen und damit in eben jenen Kreisen in der Breite zumindest nicht auf ausgeprägte Skepsis trafen.

 

Gerade ob seiner intellektuellen Breite, der tiefen Verhaftung in der Religion, des polyglotten Auftretens und der Weite des Denkens umso wirkmächtiger, je weiter und mehr er sich dem Rassegedanken näherte und darüber publizierte.

 

Bermbach gelingt es, zunächst vor allem den Ansatz der „synthetischen Schauen“ auf die Welt darzulegen, die „Welterklärung“ aus einigen „wenigen Prinzipien“ heraus und damit eine Methode, die eben späterhin gerade von Hitler und einigen anderen Ideologien des dritten Reiches ebenso verfolgt wurde. Wobei dem Werk in jeder Phase abzuspüren ist, wie intensiv sich Bermbach mit dem Werk Chamberlains beschäftigt und auseinandergesetzt hat.

 

Auch wenn Chamberlain nicht auf den Rassegedanken und den Antisemitismus alleine festzulegen war, wie Bermbach  überzeugend darlegt, trotz aller „Widersprüche und Ungereimtheiten“ in der Person und in der späteren pauschalen, einseitigen Vereinnahmung seines Denkens, zu sehr Herauslösen aus diesem politischen Denk-Geflecht kann man Chamberlain nicht, wie Bermach es schon hier und da versucht und es gleich zu Beginn auch dem Leser unterschwellige mit auf die Lektürereise zu geben versucht. Wobei gerade das stete Ansinnen Chamberlains, „einfache“ Antworten auf mehr und mehr „komplexe“ Fragen der Zeit zu geben (und zu behaupten) und, zudem, eine „Restauration des Abendlandes“ in rassischer, religiöser und strikt antisemitischer Ausrichtung „herbei zu schreiben“ als wesentliche „Gedankengebäude“ für das spätere Geschehen im dritten Reich wesentlich verbleiben.

 

Ein Werk, das dennoch einen fundierten Einblick in die gedankliche Entwicklung der Zeit gibt, das die Wurzeln für jene politischen Wendungen detailliert offen legt, die später solch schreckliche Früchte trugen und ein Werk, das aufzeigt, dass der Nationalsozialismus schon in seiner Ausprägung in „Mein Kampf“ auf einer breiten und gefestigten Traditionslinie stand, die sich weit auch in bürgerlichen und intellektuellen Kreisen verbreitet hatte.

 

Lesenswert.


M.Lehmann-Pape 2015