Berlinverlag 2015
Berlinverlag 2015

Ulrike Demmer, Daniel Goffart – Kanzlerin der Reserve

 

Differenziertes Bild der Person

 

Mit dem Titel dürfte Ursula von der Leyen im Inneren nicht ganz einverstanden sein, schwingt doch in diesem alten militärischen Ausdruck „der Reserve“ mit, dass man irgendwo auf Abruf steht, dass man erst zum Einsatz kommt, wenn die „echten Truppen“ vorne in Verlegenheit geraten.

 

Das ist, natürlich, auch nicht das Bild der aktuellen Verteidigungsministerin, welches sich aus dem Buch letztendlich erschließt. Denn kritisch und klar beobachtet legen die Autoren den tiefen Ehrgeiz von der Leyens dar, verweisen auf die kühle Intelligenz und die durchaus, zwar oft mit einem verbindlichen, geschäftigen Lächeln versehen, ausgeprägten Ellbogen der Politikerin.

 

Auch wenn jetzt wieder von einem „Schleudersitz“ eines Amte gesprochen wird (um wiederum in militärischer Symbolkraft ein Bild zu formen), auch wenn teilweise der Eindruck nicht von der Hand zu weisen ist, dass sich so mancher und manche freuen würde, wenn das kompetente Erscheinungsbild der energisch und klar wirkenden Frau Risse erhalten könnte, bis dato hat Ursula von der Leyen auf ihrem gesamten politischen Weg selten „Schlagseite“ gezeigt und mit eben diesem ihre eigenen verbindlich kühlen Lächeln viele „Alpha Tiere“ überlebt, die ehemals meinten, „Kronprinzen“ zu sein und nun politisch keinerlei Rolle mehr spielen.

 

Vielleicht ist es gar nicht so sehr das Kluge, die Intelligenz, dieses scheinbare Organisationstalent von der Leyens, die ihre Familie mit den sieben Kindern genauso klar zu rahmen scheint, wie ihre Ämter, sondern vielleicht ist es tatsächlich, wie es im Buch im Hintergrund anklingt, ihre Ausdauer und Beharrlichkeit, gepaart mit einem sehr ausgeprägten analytischen Blick, der von der Leyen ihre Weg auch durch „Rauhe See“ bis dato so unbeschadet hat überstehen lassen.

 

Denn, ob an ihr kritisch oder sympathisierend gegenüber steht, eins muss man der Politikerin lassen, sie hat tatsächlich spürbar, erkennbar, mit Kraft und Beharrlichkeit versehen, Dinge verändert. Wobei die Erneuerung des Familienbildes der CDU und die daraus folgende, mit erkennbar anderen Schwerpunkten versehene,  praktische Familienpolitik nur einer der sichtbaren Erfolge ihrer Arbeit sind.

 

Themen wie „Altersarmut“, „Lebensleistungsrente“ und viele andere von ihr gesetzte und offen ausgefochtene politische Vorhaben gehen die Autoren dabei im Buch ab und zeigen immer wieder auch den Widerstand auf, mit dem von der Leyen zu kämpfen hatte. Wie eben auch fast ohne sichtbare Anstrengung sie solchen Widerstand bis dato in den Hintergrund gedrückt oder einfach besiegt hat.

 

Die Geschichte hinter der politischen Geschichte, das Aufwachsen als Tochter eines Profi-Politikers, der innere Antriebe und Ehrgeiz, aber auch das Talent, dass schon zu ihren Zeiten als Dressurreiterin klar zu spüren war, all das legend die Autoren sehr flüssig erzählt vor die Augen des Lesers und bieten so durchaus eine Brücke zu einem tieferen Verständnis der Person und der Motive von der Leyens an.

 

Eine, die es immer schon verstand, sich auf „jene Themen zu setzen“, die brisant und aktuell sind, die, mittlerweile, sich hohen Respekt fachlich, aber auch als zähe und gewiefte „Gegnerin“ verschafft hat.

 

Gemocht zu werden, das ist in der Politik beileibe nicht das vorrangige Ziel von der Leyens, wie das Buch herausstellt. Aber wirklich etwas bewegen, das durchaus.

 

Was ja nicht das Schlechteste für einen politisch tätigen und handelnden Menschen ist. „Klare Ansage“ statt tägliche Talk Show, das nötigt zumindest Respekt ab, auch wenn die „kühle Haltung“ eine Form von anheimelnder Sympathie nicht wirklich aufkommen lassen wird.

 

Ein sehr interessantes und tiefer fragendes Buch zur Person und zu jüngsten Entscheidungen der Politik.


M.Lehmann-Pape 2015